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Wir wollen dazulernen: Roundtable-Gespräch des ORF

  • ORF Licht ins Dunkel © bsvö

Gehört „Licht ins Dunkel“ endlich abgeschafft? Und wie barrierefrei und inklusiv ist der ORF überhaupt? Am 3.2. hatte der ORF Behindertenvertreter:innen an den runden Tisch geladen, um diese Fragen gemeinsam zu diskutieren. Viele sind gekommen, um Teil des Dialogs zu sein. Schnelle Lösungen aber gibt es nicht.

Am runden Tisch

Im Gremiumssitzungssaal des ORF-Mediencampus wurde es am 3.2.2023 eng. Die breite Anwesenheit von ORF- und Behindertenvertreter:innen zeigte, wie ernst die Vorwürfe rund um die mediale Darstellung von Menschen mit Behinderungen und die tatsächlichen Maßnahmen zur aktiven Inklusion im ORF von beiden Seiten genommen werden. Dennoch hatte wohl niemand mit Maßnahmenpaketen oder schnellen Lösungen zu einem Problem gerechnet, das seit mehreren Jahrzehnten Diskussionsthema ist.

„Wir sind lernbereit und lernbegierig“

Pius Strobl (Humanitarian Broadcasting) signalisierte, wie auch ORF Generalsekretär Roland Weißmann oder Präsident von Licht ins Dunkel Kurt Nekula die Bereitschaft, über Veränderung nachzudenken und auf die Kritik einzugehen. Aber nicht jeder Kritikpunkt wurde von Pius Strobl, der die Arbeit mit Licht ins Dunkel als „Herzensangelegenheit“ betonte, auch als gerechtfertigt wahrgenommen. Man müsse bei den Fakten bleiben, war der Tenor und über eine weite Strecke der Diskussionszeit hinweg präsentierte der ORF erfolgreiche Projekte und Beispiele für unternommene Maßnahmen zur Steigerung von Inklusion.

Die neuen Ziele seien:

  • Eine vermehrte und verbesserte Berichterstattung und Bildschirmpräsenz mit und über Menschen mit Behinderungen während des Jahres. 
  • Die Förderung der internen und externen Bewusstseinsbildung
  • Der Ausbau der Barrierefreiheit (AD, UT, ÖGS, NIES)

Zweifellos sind die Anstrengungen da und zweifellos hat sich auch der Zugang des ORF zu Licht ins Dunkel seit seiner Einführung vor 50 Jahren verschoben. Das heißt aber nicht, dass man schon am Ziel ist. Der Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich (BSVÖ) etwa kritisiert seit Jahren, dass der Ausbau der Audiodeskription zu langsam vor sich gehe. Noch immer ist ein überwiegender Anteil der gesendeten Stunden nicht mit Audiodeskription versehen. Bedenkt man, dass der ORF bis 2030 zu 100% barrierefrei sein soll, scheint dies ein beinahe unerfüllbares Ziel zu sein.

Die große Dunkelheit

Neben dem Vorwurf, Menschen mit Behinderungen nach wie vor nicht in der Rolle selbstbestimmter Individuen in Berichterstattungen darzustellen, sondern weiterhin als Bittsteller:innen in die Mitleidsposition zu bringen, wurde auch der Name der Vereins wieder der Kritik unterzogen. Der ORF, der sich der Kritik seit Jahren bewusst ist – und seit Jahren aus kommunikations- und markentechnischen Gründen nicht davon abrücken möchte – positioniert sich auch jetzt wieder klar für eine Beibehaltung des Namens. Aber: eine Neukonnotation solle für besseres Bewusstsein sorgen. Nicht die Menschen mit Behinderungen sollen, so der Vorsatz der Interpretationsbemühungen, das Licht in ihre Dunkelheit geleuchtet bekommen, sondern andersrum. Das Licht der Erleuchtung solle die Gesellschaft erhellen, damit sie für die Bedürfnisse und Forderungen von Menschen mit Behinderungen sensibilisiert werde.

Weg von der Mitleidsklaviatur

Fritz Hausjell, Medienhistoriker und stellvertretender Institutsvorstand der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Universität Wien) plädierte zwar für ein Beibehalten des Namens,  lenkte aber ein, dass Mitleid in der Kommunikation nicht zielführend sei. Der ORF solle keinen Ansatzpunkt liefern, um die Mitleidsklaviatur zu spielen. Die Kritik, dass Menschen mit Behinderungen als Almosenempfänger dargestellt werden, sieht Pius Strobl nicht gegeben.

Start eines Prozesses?

Martin Ladstätter (Publikumsrat des ORF) dankte dem Generalsekretär vorweg, dass dem Aktionsplan zur Erhöhung der Barrierefreiheit trotz vorhandener Finanzierungsprobleme stattgegeben wurde und zeigte sich trotz seiner durchaus kritischen Haltung zu Licht ins Dunkel hoffnungsvoll. Der gemeinsame Dialog könnte der Start eines Prozesses sein, Licht ins Dunkel in eine sozial relevante Aktion zu wandeln. Beispiele aus dem Ausland gäbe es.

Präsident des BSVÖ Dr. Markus Wolf hält fest: „Wenn der ORF ernsthaften Willen zur Zusammenarbeit zeigt, sich die Forderungen und die Kritik von Menschen mit Behinderungen zu Herzen nimmt und sie auch umsetzt, kann er viel dazu beitragen, die breite Öffentlichkeit für die Bedürfnisse zu sensibilisieren. Vom Ziel des ORF, bis 2030 zu 100 Prozent barrierefrei zu werden, darf nicht abgerückt werden.“

Die Forderung nach einem Maßnahmenpaket, wie sie etwa Markus Neuherz (Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich) vorbrachte oder der Willens zur Zusammenarbeit, wie ihn Rudolf Kravanja (Präsident ÖZIV Bundesverband/Österreichischer Behindertenrat) signalisierte, können den Prozess ankurbeln. Dass aber die Forderungen seitens der Behindertenorganisationen ernst genommen und gemeinsam ausgearbeitet und umgesetzt werden müssen, steht an erster Position. Der Startschuss wurde längst abgefeuert.

Weiterführende Links

Dokumentation der Onlineplattform Andererseits zum Spenden-Problem: https://andererseits.org/das-spendenproblem/

BSVÖ Bericht „Erzählen statt zeigen“: https://www.blindenverband.at/de/aktuelles/1036/Erzaehlen-statt-Zeigen-Audiodeskription

BSVÖ: Audiovisuelle Mediendienste: Verpflichtung zu Barrierefreiheit: https://www.blindenverband.at/de/aktuelles/1037/Audiovisuelle-Mediendienste

Bizeps/OTS Aussendung des ORF: “ORF lud Vertreter/innen der Behindertenverbände zum Austausch über LICHT INS DUNKEL, Inklusion und Barrierefreiheit im ORF“: https://www.bizeps.or.at/orf-lud-vertreter-innen-der-behindertenverbaende-zum-austausch-ueber-licht-ins-dunkel-inklusion-und-barrierefreiheit-im-orf/

 

 

 

 

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