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Mehr als nur anschauen: Ausstellungskultur mir allen Sinnen erfahren

  • Inklusive Ausstellung © BSVÖ

Museen und Ausstellungen sind Orte, an denen Geschichte lebendig wird, Kunst in allen Facetten entdeckt werden kann und neue Perspektiven entstehen. Im Idealfall ist das für alle Besucher:innen möglich. Für blinde und sehbehinderte Menschen endet ein Museumsbesuch jedoch noch immer viel zu oft vor einem nicht weiter beschriebenen Gemälde oder einer Vitrine mit dem Satz: „Bitte nicht berühren.“
Aber warum eigentlich? Wer nicht auf den Sehsinn setzen kann, um seine Umgebung wahrzunehmen, kann Kunst und Kultur oft gerade durch Hören, Tasten und Beschreiben besonders intensiv erfahren. Aber dafür muss Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werden.

Inklusion macht Zugänge

Genau deshalb sind inklusive Ausstellungskonzepte so wichtig. Sie setzen auf das Mehrsinneprinzip und vermitteln Inhalte nicht ausschließlich visuell, sondern bieten mehr Optionen an, um die Ausstellungsinhalte zu erfassen. Visuelle Eindrücke spielen hier eine ebenso wichtige Rolle wie die Vermittlung durch Audio und durch taktile, also tastbare Elemente. Taktile Bodeninformationen (TBIs) erleichtern die Orientierung und ermöglichen ein selbstständiges Bewegen durch die Ausstellung. Audioguides erzählen Geschichten, erklären Exponate und machen Details hörbar. Braille-Beschriftungen oder Braille-Kataloge schaffen einen direkten Zugang zu Informationen, während tastbare Modelle oder ausgewählte Objekte im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“ werden. Das macht den Museumsbesuch nicht zu einer Sonderlösung, sondern zu einem gleichwertigen Erlebnis. Und ganz nebenbei profitieren davon auch viele andere Besucher – etwa ältere Menschen, Familien oder Personen, die Informationen einfach gerne auf unterschiedlichen Wegen aufnehmen.

Gute Vermittlung macht den Unterschied

Technische Hilfsmittel sind ein wichtiger Baustein, doch sie ersetzen nicht die persönliche Begegnung. Kunst- und Kulturvermittler eröffnen mit speziell gestalteten Führungen neue Zugänge zu Ausstellungen. Sie beschreiben Kunstwerke anschaulich, erklären historische Zusammenhänge und beziehen Tastmöglichkeiten gezielt in ihre Vermittlung ein. Im gemeinsamen Gespräch entstehen Bilder im Kopf – manchmal sogar lebendigere als auf einer Informationstafel.

Inklusive Vermittlung bedeutet deshalb weit mehr als Barrierefreiheit im baulichen Sinn. Sie schafft echte Teilhabe und macht deutlich: Kultur gehört allen Menschen. Wer Ausstellungen von Anfang an so plant, dass unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigt werden, sorgt nicht nur für mehr Zugänglichkeit, sondern auch für spannendere und vielfältigere Erlebnisse. Denn seien wir ehrlich: Eine Ausstellung, die man sehen, hören und ertasten kann, ist für viele Menschen einfach interessanter als eine, bei der ausschließlich das Schild neben dem Exponat spricht.

Die NÖ-Landesausstellung zeigt, wie es geht

Dass Inklusion kein theoretisches Konzept bleiben muss, zeigt die NÖ-Landesausstellung 2026 eindrucksvoll. Hier wurde Barrierefreiheit von Beginn an mitgedacht und nicht erst nachträglich ergänzt. Das inklusive Ausstellungskonzept verbindet barrierefreie Wege mit einem durchdachten multisensorischen Vermittlungsangebot. Hörstationen, Audioguides, taktile Elemente, gut lesbare Texte und klare Kontraste ergänzen einander. Zusätzlich stehen Informationen in einfacher Sprache, mit Untertiteln sowie in österreichischer Gebärdensprache zur Verfügung. QR-Codes ermöglichen den Zugang zu digitalen Inhalten, die auch mit Screenreadern genutzt werden können.

Erfolgskonzept Expertise

Besonders wichtig beim Prozess inklusiver Ausstellungsgestaltung ist es immer, schon vorab alle Perspektiven einzuholen und sich mit Expert:innen auszutauschen. Diesen Schritt zu überspringen, wäre in späterer Folge ein Garant für Barrieren, die vermieden hätten werden können. Für die NÖ-Landesausstellung wurde das Konzept gemeinsam mit Expert:innen und Interessenvertretungen entwickelt – so neben dem Schwerhörigenbund Österreich und der Lebenshilfe Niederösterreich auch mit der Fokusgruppe für inklusive Museumsgestaltung des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich. Die Fokusgruppe, die aus Mitgliedern des BSV Wien, Niederösterreich und Burgenland besteht, ist in ihrer Zusammenarbeit erfahren und kann auf viele gemeinsame Projekterfahrungen zurückgreifen – so unter anderem auf die Beratung und Mitgestaltung der Dauerausstellung des Wien Museums am Karlsplatz. Kernkompetenz verbindet sich in der Fokusgruppe nicht nur mit den Erfahrungen eigener Betroffenheit, sondern auch mit einem fundierten Interesse für Kunst und Kultur – eine ideale Mischung, die gemeinsam mit anderen Interessensvertretungen und in enger Zusammenarbeit mit dem Team der NÖ-Landesausstellung ein Museums- und Ausstellungserlebnis erschuf, das möglichst viele Menschen einbezieht.

Die NÖ Landesausstellung macht mit der Einbeziehung von Expert:innen und der konsequenten und durchdachten Umsetzung inklusiver Maßnahmen vor, was zeitgemäße Kulturvermittlung heute bedeutet: Inklusion ist kein Zusatzangebot oder nettes Extra, sondern ein Qualitätsmerkmal, das Diskriminierung vermeidet und Teilhabe ermöglicht. Oder anders gesagt: Gute Ausstellungen erzählen Geschichten – inklusive Ausstellungen sorgen dafür, dass sie auch wirklich alle hören, fühlen und erleben können.

 

 

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