BSVÖ: Ritterwürden und Braille – Ehrung für die taubblinde Juristin Haben Girma und ihr Plädoyer für Innovation
Als Haben Girma als Kind Braille lernte, hätte sie sich nie vorstellen können, dass genau diese Schrift sie eines Tages zu einer der wichtigsten Stimmen der internationalen Behindertenrechtsbewegung machen würde. Heuer wurde sie in Frankreich mit dem Titel „Chevalière de l'Ordre des Arts et des Lettres“ (Ritterin des Ordens der Künste und der Literatur) ausgezeichnet – einer der bedeutendsten kulturellen Ehrungen des Landes. Doch Girma nutzte die feierliche Zeremonie nicht, um über ihre persönlichen Erfolge zu sprechen. Stattdessen richtete sie einen eindringlichen Appell an Politik, Bildungseinrichtungen und Technologieunternehmen weltweit: Investiert in Braille.
Eine Auszeichnung mit Symbolkraft
Die Ehrung durch das französische Kulturministerium ist weit mehr als eine persönliche Anerkennung. Frankreich ist die Heimat von Louis Braille, dem großen Vorreiter in Sachen barrierefreier Schriftkultur. Wie wir alle wissen, verdanken wir ihm die Entwicklung des inzwischen 250 Jahre alten Schriftsystems, das nach wie vor in Gebrauch ist. Mit Haben Girma erhielt nun eine der international bekanntesten Braille-Botschafterinnen diese große Auszeichnung.
Braille, so eröffnet sie in ihrer Dankesrede, sei keine Technologie der Vergangenheit, sondern eine Schlüsselkompetenz der Zukunft.
Beispiellose Karriere: Juristin
Haben Girma wurde 1988 in Kalifornien als Tochter eritreischer und äthiopischer Flüchtlinge geboren. Sie ist taubblind und schrieb Geschichte als erste taubblinde Absolventin der Harvard Law School. Seitdem setzt sie sich weltweit für Barrierefreiheit, Inklusion und digitale Teilhabe ein.
Internationale Bekanntheit erlangte sie nicht nur als Juristin, sondern auch als Autorin, Rednerin und Beraterin großer Unternehmen wie Apple, Google, Microsoft oder Disney. Bereits Präsident Barack Obama zeichnete sie als "Champion of Change" aus. Außerdem gehört sie zu den ersten Mitgliedern der WHO-Kommission gegen soziale Isolation und Einsamkeit.
Ihr Ansatz unterscheidet sich von vielen klassischen Behindertenrechtskampagnen: Girma versteht Behinderung nicht als individuelles Defizit, sondern als Aufforderung, Gesellschaft und Technologie besser zu gestalten.
Warum Braille gerade im KI-Zeitalter wichtiger wird
In ihrer aktuellen Rede greift Girma ein Thema auf, das viele Fachleute beschäftigt: Immer häufiger wird behauptet, Sprachausgabe und Künstliche Intelligenz machten Braille überflüssig.
Diese Argumentation hält sie für gefährlich.
Braille sei nicht einfach eine Methode zum Lesen. Es ermögliche Menschen, Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung und mathematische Formeln wirklich zu verstehen. Wer ausschließlich auf Sprachausgabe angewiesen sei, verliere einen wesentlichen Teil schriftlicher Bildung.
Dabei verweist Girma darauf, dass es längst zahlreiche Braille-Systeme gibt – etwa für Amharisch, Italienisch, Japanisch und viele weitere Sprachen. Die Herausforderung bestehe heute nicht darin, Braille zu ersetzen, sondern den Zugang dazu weltweit auszubauen.
Ihre zentrale Botschaft lautet deshalb:
Künstliche Intelligenz sollte Braille ergänzen – niemals verdrängen.
Innovation voraus?
Haben Girma ist weltweit auch deshalb so einflussreich, weil sie konsequent einen nach wie vor gerne übergangenen Perspektivwechsel fordert. Nicht die Behinderung verhindere Teilhabe, sondern schlecht gestaltete Systeme.
Während ihres Studiums entwickelte sie beispielsweise ein Kommunikationssystem, bei dem Gesprächspartner ihre Worte über eine Bluetooth-Tastatur direkt auf eine Braillezeile übertragen. Dieses Prinzip nutzt sie bis heute bei Vorträgen und Interviews.
Viele Technologien, die heute selbstverständlich erscheinen – Sprachsteuerung, Untertitel oder barrierefreie Software – entstanden ursprünglich aus Anforderungen von Menschen mit Behinderungen. Girma spricht in diesem Zusammenhang von Behinderung als Katalysator von Innovation.
Erfolge mit weltweiter Wirkung
Girmas Bekanntheit und ihre persönlichen Erfolge inspirieren Menschen weltweit. Und kein Wunder, denn die Liste ihrer Lebenslauf-Meilensteine ist ganz schön imposant:
· erste taubblinde Absolventin der Harvard Law School;
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erfolgreiche juristische Verfahren für digitale Barrierefreiheit;
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internationale Vorträge über Inklusion und Innovation;
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Bestsellerautorin des Buches „Haben: The Deafblind Woman Who Conquered Harvard Law“;
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Auszeichnung als "Champion of Change" durch Präsident Barack Obama;
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Berufung in internationale Gremien für Barrierefreiheit und soziale Teilhabe;
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Ernennung zur Ritterin des französischen Ordens der Künste und der Literatur.
Eine Stimme für die Zukunft der Inklusion
Gerade in Zeiten rasanter technischer Entwicklungen erinnert Haben Girma daran, dass Fortschritt nicht allein an der Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz gemessen werden darf. Technologie wird erst dann wirklich innovativ, wenn sie allen Menschen Zugang ermöglicht. Der Grundsatz ist zwar ein alter Hut, muss aber nach wie vor regelmäßig in das Bewusstsein der Allgemeinheit gerufen werden.
Ihre aktuelle Auszeichnung versteht sie deshalb nicht als Höhepunkt ihrer Karriere, sondern als Auftrag. Die Ritterwürde sei für sie ein Versprechen, sich weiterhin weltweit für Braille, Bildung und Barrierefreiheit einzusetzen. Oder, wie sie selbst sagt: Früher las sie Buchstaben mit den Fingern. Heute nutzt sie dieselben Fingerspitzen, um Regierungen, Unternehmen und die Gesellschaft daran zu erinnern, dass echte Innovation niemanden zurücklassen darf.
Quellen: Webseite Haben Girmas: https://habengirma.com/
Dankesrede: https://habengirma.com/2026/07/13/france-made-me-a-knight-and-my-mission-is-braille/
Die Hörbücherei und Haben Girma
Über die taubblinde Juristin wurde auch von der Hörbücherei des BSVÖ berichtet: Im periodisch erscheinenden Literaturmagazin „Calliope“ der Hörbücherei schrieb Mag. Gertrud Guano über das Werk und Leben von Haben Girma. Ihre Biografie können Sie als Mitglied der Hörbücherei kostenlos bestellen!
Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, keine Wohltätigkeit.
Gertrud Guano
Haben ist 7, als ihr Vater auf dem Flughafen in Äthiopien von Polizisten abgeführt wird. „Warum haben sie ihn geholt? [ ...] Eine Durchsage. Murmeln. [...]“ Angst erfasst das Mädchen: „Ich brauche ihn. Wer hilft mir, mich […] zurechtzufinden? [...] Eine Stewardess beugt sich über mich. Murmelt, murmelt, murmelt. Ich starre sie an, bitte sie, meine Gedanken zu hören. Bring Daddy zurück! Sie geht weg.“ Haben ist taubblind, kann sich zu diesem Zeitpunkt nicht allein helfen. - Heute ist sie erwachsen und kommuniziert mittels eigener Erfindung: Sie verbindet ihr PC-Keyboard mit ihrem Braille-Notizgerät. So kann sie die von ihren Mitmenschen auf dem Keyboard getippten Buchstaben zeitgleich mit Braille lesen und zurückschreiben, also quasi per Braille sprechen. Heute hat sie einen Harvard-Abschluss, ist Juristin und engagiert sich für Barrierefreiheit. Dazu führten Erlebnisse wie jenes als Studentin in der Cafeteria: Sie bat den Betreiber, ihr die jeweilige Speisekarte zu mailen, damit sie sie lesen könne. Bald weigerte er sich aber: Er hätte keine Zeit für Extrawünsche. Doch Haben stellte klar, dass „was er für mich machte, nichts Besonderes war. Im Gegenteil.
Es war seine rechtliche Verpflichtung.“ Und eine Menschenrechtsverletzung, es nicht zu tun! „Das veränderte alles. Auf einmal hatte ich Zugang zu Speisekarten. Doch ich fragte mich, wie viele Menschen mit Behinderung nicht auf Probleme aufmerksam machen, weil sie nicht wissen, dass sie Rechte haben.“ - Auf diese weist sie hin und bildet Institutionen/ Unternehmen in punkto Barrierefreiheit, bds. digitaler Art, aus. Für ihr Engagement wurde die erste taubblinde Absolventin der Harvard Law School schon dreimal ins Weiße Haus eingeladen. Ihr Leben ist ein ständiger Kampf, denn viele Menschen können nicht glauben, dass sie wirklich alles schafft, dass sie kompetent und erfolgreich ist. Doch das ist sie! Ihr Buch „Girma, Haben: Haben – The Deafblind Woman Who Conquered Harvard Law“. Twelve Publishing, 2019) gibt es im Katalog von ABC Global Books als Brailleschrift.
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Sind Sie schon Mitglied der Hörbücherei? Um bei der Hörbücherei Bücher entlehnen zu können, müssen Sie bestätigen, dass Sie aus gesundheitlichen Gründen Schwierigkeiten haben, ein herkömmlich gedrucktes Buch zu lesen. Diese Bestätigung besteht aus einem aktuellen ärztlichen Attest oder erfolgt durch eine befugte Person, die dies bestätigen kann (z. B. Heimleitung, Hausarzt, Physiologe, Psychologe und dgl.). Sollten Sie Mitglied des BSVÖ sein, genügt die Angabe der Landesorganisation.
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