BSVÖ im Fokus: Disability Pride Month. Ist die Zukunft wirklich smart?
Sie ist kaum mehr aus dem täglichen Leben wegzudenken und das, obwohl wir erst am Anfang stehen: Künstliche Intelligenz in Form von Sprachmodellen und breitgestreuter Arbeitsunterstützung soll Prozesse vereinfachen, beschleunigen und verbessern. Im BSVÖ-Fokus im Disability Pride Month bleiben wir skeptisch: denn wo die Vorteile der KI-gestützten Barrierefreiheit liegen, schlummern auch die Tücken…
Ganz ehrlich: wer wünscht sich nicht hin und wieder jemanden, der Aufgaben in Windeseile erfüll und auf den man einiges an Arbeit abwälzen kann? Der Gedanke hinter dem Gebrauch von KI ist entsprechend verlockend: eine schnelle Arbeitskraft, die auf jede noch so seltsame Frage eine Antwort parat zu haben scheint, die Text in Bild, Sprache, Video oder konkrete Handlungen umsetzt, die im Hintergrund zuhört, protokolliert und auswertet, kann viel Arbeit ersparen. Und sie birgt Potential, Barrierefreiheit dort einzurichten, wo sie bisher vermisst wurde. Das funktioniert zum Teil ganz gut – aber so richtig klappt es dort, wo Menschen nachjustieren und wo sich Expert:innen von Anfang an einbringen können.
Bewährte Hilfsmittel bleiben unverzichtbar
Assistive Technologien und Hilfsmittel wie Screenreader, Braillezeilen, Vergrößerungssoftware, Sprachausgabe-Programme und individuell anpassbare Bedienhilfen ermöglichen eine selbstständige Orientierung, Mobilität und Informationsbeschaffung im Alltag.
Barrierefreiheit entsteht nicht per Knopfdruck
Damit digitale Teilhabe gelingt, müssen Websites, Apps und Dokumente barrierefrei programmiert sein. Ist eine Schaltfläche nicht korrekt beschriftet oder werden Inhalte ausschließlich grafisch dargestellt, stoßen auch die besten Assistenzsysteme an ihre Grenzen.
Wer sich nicht sicher ist, ob die eigene Website oder App auch wirklich nutzbar ist, sollte auf die Unterstützung von Expert zurückgreifen, anstatt auf schnelle Lösungen zu hoffen. Die Vorstellung, bestehende Barrieren einfach durch KI „wegzuzaubern“, mag zwar verlockend sein, führt aber schlussendlich nicht zum Ziel. Accessibility Overlays – Programme, die Websites nachträglich automatisch barrierefrei machen sollen – werden von Fachleuten und Interessenvertretungen wie dem BSVÖ kritisiert, weil sie grundlegende Mängel im Design nicht beheben und Screenreader häufig sogar zusätzlich beeinträchtigen. Echte digitale Barrierefreiheit entsteht nicht durch ein technisches Zusatzprogramm, sondern durch eine barrierefreie Entwicklung von Beginn an.
Expert wie etwa die zertifizierten Screenreader-Tester des BSVÖ können Webseiten und Apps sicher und zuverlässig auf Barrieren überprüfen und qualifiziertes Feedback geben.
Wo KI die Barrierefreiheit verbessern kann
Mit künstlicher Intelligenz eröffnen sich dennoch zusätzliche Möglichkeiten der Barrierefreiheit. KI-gestützte Bilderkennung kann beschreiben, was sich auf einem Foto befindet, Texte auf Schildern oder Speisekarten erkennen und sogar Mimik oder Gegenstände erläutern. Moderne Texterkennung macht gedruckte Dokumente innerhalb weniger Sekunden zugänglich, während KI-Assistenten Informationen zusammenfassen oder bei alltäglichen Aufgaben unterstützen. Auch Navigations-Apps entwickeln sich stetig weiter und helfen dabei, Gebäude zu finden, Hindernisse zu erkennen oder den öffentlichen Verkehr selbstständiger zu nutzen.
Achtung vor zu viel Vertrauen
Doch KI ist kein Allheilmittel. Bildbeschreibungen können unvollständig oder fehlerhaft sein, Navigationsempfehlungen sind nicht immer zuverlässig und automatisierte Systeme treffen mitunter falsche Annahmen. Wer sich ausschließlich auf künstliche Intelligenz verlässt, kann dadurch in schwierige oder sogar gefährliche Situationen geraten. Hinzu kommen Fragen des Datenschutzes: Viele Anwendungen verarbeiten Fotos, Sprachaufnahmen oder Standortdaten über Cloud-Dienste. Nutzer sollten daher nachvollziehen können, welche Daten gespeichert werden und wie sie verwendet werden.
Neue Technologien schaffen auch neue Barrieren
Im Alltag zeigt sich, dass Innovation nicht automatisch Inklusion bedeutet. Immer mehr Haushaltsgeräte, Fahrkartenautomaten oder Selbstbedienungskassen setzen nicht mehr auf taktile Auswahlelemente wie Knöpfe und Tasten, sondern lassen sich ausschließlich über Touchscreens bedienen. Was modern wirkt, wird für andere Nutzer unbrauchbar. Werden Produkte ohne barrierefreie Bedienkonzepte entwickelt, entstehen also neue Formen der Ausgrenzung – obwohl die technische Entwicklung eigentlich mehr Teilhabe ermöglichen könnte.
Inklusion muss mitgedacht werden
Technologie kann Türen öffnen, wenn sie gemeinsam mit den Menschen entwickelt wird, die sie nutzen. Der Grundsatz „Design für alle“ bedeutet, Barrierefreiheit nicht als Sonderlösung zu verstehen, sondern als Qualitätsmerkmal guter Produkte. Menschen mit Behinderungen sollten deshalb von Beginn an in Entwicklungsprozesse eingebunden werden – als Expert ihrer eigenen Lebensrealität. Nur so gelingt Innovation, die tatsächlich allen zugutekommt.
Künstliche Intelligenz und Assistenztechnologien werden die Zukunft der Inklusion mitgestalten. Sie können Selbstständigkeit fördern, Informationen zugänglich machen und neue Möglichkeiten der Teilhabe schaffen. Gleichzeitig dürfen sie keine Ausrede sein, auf barrierefreies Design zu verzichten. Denn die beste Technologie ist jene, die niemanden ausschließt.

