BSVÖ im Fokus: Disability Pride Month. Bitte kein Mitleid und kein Denkmal.
Für alle, die es noch nicht wissen: Juli ist Disability Pride Month! Der Monat erinnert an die Unterzeichnung des „Americans with Disabilities Act“ am 26. Juli 1990, einem Meilenstein der Behindertenrechtsbewegung in den USA, der auch auf andere Länder dieser Welt weitreichende Auswirkungen hatte. Wir möchten den Monat mit dem BSVÖ-Fokus nutzen, um über Inklusion, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zu reden. Denn da gibt es einiges zu sagen…
Blindheit und Sehbehinderung gehören zur Vielfalt menschlicher Lebensrealitäten. Dennoch prägen bis heute viele Klischees und Vorurteile das gesellschaftliche Bild. Von der Vorstellung, als blinder oder sehbehinderter Mensch 24/7 komplett verloren zu sein bis hin zu der Idee, Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen hätten alle anderen Sinne überproportional gut ausgebildet – die Annahmen treiben meist so lange bunte Blüten, bis eine genauere Beschäftigung mit den Themenbereichen der Behinderung aber vor allem mit dem Menschen als individuell handelnde Person geschieht.
Was daraus entsteht sind zweierlei Folgen, die beide weder zielführend noch förderlich sind. Im Gegenteil.
Die Mitleidsschiene
„So ein armer Mensch!“
„Also ich könnt mir das nicht vorstellen, wenn man so gar nichts sieht!“
„Der/Die kann ja allein nirgendwo hin.“
„Die blinden und sehbehinderten Menschen tun mir so leid. Die bekommen ja nichts so richtig mit….“
All das sind Aussagen, die hinter vorgehaltenen Händen geflüstert oder auch ganz offen artikuliert werden, ohne dass dabei die tatsächliche Situation in Betracht gezogen würde. Als direkte Folge ergibt sich, dass blinden und sehbehinderten Menschen weniger zugetraut wird, weniger Chancen gegeben werden und sie als relevante Gruppe ignoriert werden, weil die Vorstellung absurd erscheint, dass die Dienstleistung / der Ort / die Erfahrung für Menschen mit Behinderung notwendig, von Interesse oder auch nur angenehm sein könnte.
Mitleid hat noch niemanden weitebracht. Wichtiger, als schulterzuckend den Umstand zu akzeptieren, dass viele Barrieren die eigentlichen Behinderungen sind und sich Menschen mit Behinderungen nun eben ihrem „Schicksal“ fügen und sich auf gewisse Lebensbereiche beschränken müssten, ist es, aktiv gegen Barrieren aufzutreten und Mitleid gegen Mitarbeit, Unterstützung und Aktivismus zu tauschen.
Dabei kann jede:r selbst Initiativen ergreifen, unbrauchbares Mitleid und Barrieren abzubauen und sich für die Vielfalt einzusetzen. Mitleid kostet Teilhabe, Jobchancen und Bildungsangebote. Aktive Fürsprache, Einsatz und proaktive Initiativen, Verbesserungen zu bewirken, bringen Fortschritt.
Die Held:innenschiene
„Ich bewundere ihn/sie so sehr dafür, wie er/sie durch die ewige Dunkelheit geht!“
„Sie/er ist so mutig, ich würde mir das nicht zutrauen.“
„Sie/er kann trotz des Schicksalsschlags sogar…“
Die scheinbare Bewunderung und Überhöhung ist ebenso wenig zielführend, wie die Schicksalsschiene, weil sie nicht das Individuum anerkennt, sondern die Behinderung in den Vordergrund rückt. Natürlich gibt es im Leben aller Menschen Situationen zu meistern, die für andere unvorstellbar sind. Aber all jene Menschen bestehen aus viel mehr als dieser einen Situation, dieser einen Eigenschaft oder eben Behinderung. Übertriebene Begeisterung und eine mediale Verbreitung von positiven Vorurteilen führt nicht zu konkreten fortschrittlichen Auswirkungen auf die tatsächliche Lebensrealität betroffener Menschen. Sie ist eine leere Hülse, die Menschen nicht als Individuen gelten lässt, von der eigenen Welteinschätzung ausgeht und sich schließlich wieder abwendet, ohne sich für den Abbau von Diskriminierungen und Barrieren eingesetzt zu haben.
Was nun also?
Ein inklusiver Blick bedeutet, Fähigkeiten statt Defizite in den Mittelpunkt zu stellen. Blinde und sehbehinderte Menschen arbeiten, studieren, gründen Unternehmen, treiben Sport, engagieren sich ehrenamtlich und gestalten Kultur und Gesellschaft aktiv mit. Hilfsmittel wie Screenreader, Braillezeilen, Orientierungstechniken oder digitale Assistenzlösungen schaffen dabei Möglichkeiten, ersetzen aber nicht die Verantwortung der Gesellschaft, Barrieren abzubauen. Wirkliche Inklusion entsteht dort, wo Menschen selbstverständlich mitgedacht werden – bei der Planung von Gebäuden ebenso wie bei digitalen Angeboten, Veranstaltungen oder politischen Entscheidungen. Dafür braucht es weder Mitleid noch Held:innengesänge, sondern vielmehr den Willen, alle ins Boot zu holen und gemeinsam an einer inklusiven Gesellschaft zu arbeiten.

