Tag der Menschen mit Sehbehinderung - auf Zukunft bauen

tag der menschen mit Sehbehinderungen © BSVÖ
Portrait Dr. Markus Wolf, Zitat: Die 80-jährige Verbandsgeschichte hat gezeigt, dass Fortschritt dort erzielt wird, wo gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird
Seit 1998 gibt es ihn, den Tag der Menschen mit Sehbehinderungen, und seit 1998 ist der 6. Juni ein Fixpunkt im Jahreskalender des BSVÖ und seiner Landesorganisationen. Als nationaler Aktionstag vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) initiiert, ist er Anlass, zu sensibilisieren und zu informieren und um auf aktuelle Forderungen für eine inklusive und chancengleiche Gesellschaft aufmerksam zu machen.
Der BSVÖ blickt am Tag der Menschen mit Sehbehinderungen nicht nur auf die aktuelle Lage, sondern anlässlich seines 80-Jahre-Jubiläums auch auf acht ereignisreiche Jahrzehnte. Vieles, wofür damals der Grundstein gelegt wurde, ist heute ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft geworden. Zugleich aber sind noch immer nicht alle Barrieren abgebaut und wachsen sogar neue nach. Grund, den Mut zu verlieren? Mitnichten, meint der Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Dr. Markus Wolf: „Wenn die Geschichte des Verbandes eines gezeigt hat, dann, dass Fortschritt dort erzielt wird, wo gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Und wo alle Stimmen gehört und mit eingebunden wurden.“
Inklusion statt Almosen
Als der BSVÖ knapp nach Kriegsende 1946 gegründet wurde, war man vom Gedanken echter und umfassender Inklusion noch meilenweit entfernt. Kriegsblinde und Menschen, die durch Unfälle, Krankheit oder mangelnde medizinische Versorgung ihr Augenlicht verloren hatten, machten einen Teil der Kriegsversehrten aus, die es zu versorgen, nachzubetreuen und wieder einzugliedern galt; der Wiederaufbau des Landes band Ressourcen. Doch was an staatlicher Hilfe fehlte, wurde durch Solidarität ersetzt. Aus Selbsthilfe wurde eine Bewegung, die den Grundstein für den heutigen Verband legte. Was aber schon damals galt, gilt heute weiterhin: Inklusion gelingt nur ganzheitlich; kurzfristig gedachte Lösungen und Almosen helfen nur bedingt weiter. Die Hilfe zur Selbsthilfe muss strukturell verankert sein, um greifen zu können – und sie muss echte Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen und fördern.
Auf Zukunft bauen – von Kindesbeinen an
Wer sich alte Schulbücher zu Gemüte führt, kann schnell den Verdacht hegen, das Bildungssystem habe in den letzten 80 Jahren große Sprünge gemacht. Und in einigen Sektoren trifft dich das bestimmt auch zu. Dennoch ist gerade, was Bildung, Aus- und Weiterbildungschancen für Menschen mit Behinderungen angeht, noch vieles zu tun. Es braucht eine verlässliche Ressourcenlage und bedarfsgerechten Unterricht von pädagogischen Fachkräften. Es bedarf aber auch barrierefreier Lernangebote und Lehrmaterialien, niederschwelliger Zugänge und Bildungsräume, die alle fördern. „Solide und für alle zugängliche Bildungschancen sind das Kapital der Zukunft“, ist Präsident Markus Wolf überzeugt. Wenn Barrieren das Lernen und Weiterbilden unmöglich machen, hat das individuelle und gesellschaftliche Folgen. „Menschen, die ihr Potenzial entfalten können und die sich bei Bedarf bis ins hohe Alter weiterbilden können, sind nicht nur selbstbestimmter und oftmals finanziell unabhängiger. Bessere Chancen am Arbeitsmarkt ermöglichen es ihnen auch, einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft und Wirtschaft zu leisten.“ Bildung und Förderung dürfen kein Ablaufdatum haben oder nur gewissen Personen zugänglich sein. Ein ganzheitliches Bildungssystem setzt bei der Frühförderung der Kleinsten an und geht bis ins Lernen im Alter.
Expertise erkennen, Chancen nutzen
In der langen Geschichte des Verbandes hat sich immer wieder gezeigt, dass die größten Erfolge da zu erwarten sind, wo die Mitbestimmung von Expert:innen und Betroffenen erwünscht ist. Der alte Spruch, dass durch das Reden die Leut‘ zusammenkommen, könnte hier ausgeweitet werden auf: Durch das Reden und Zuhören kommt der Fortschritt zusammen. Wenn Entscheidungen getroffen werden, ohne auf diejenigen Rücksicht zu nehmen, die davon betroffen sind, und ohne qualifizierte Meinungen einzuholen, stehen die Chancen gut, dass das Ergebnis nicht nur für Begeisterung sorgt. Doch was in der Theorie naheliegend erscheint, nämlich Expertise von Betroffenen einzuholen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten, scheitert in der Praxis immer wieder an fehlender Kommunikation, an Schnellschüssen und voreiliger Ausführung. Das Ergebnis sind oft genug verlorene Chancen und Diskriminierungen, die hätten vermieden werden können. Der BSVÖ bietet seit 80 Jahren als professioneller Partner Expertise auf dem Gebiet der Blindheit und Sehbehinderung und hat in zahllosen Kooperationen bewiesen, dass die gemeinsame Arbeit an Lösungen ein guter Weg zu Inklusion und der Prävention von Barrieren ist.
Der Tag der Menschen mit Sehbehinderungen erinnert uns an den langen Weg, der hinter uns liegt, und an die vielen Menschen, die ihn ermöglicht, begleitet und mitgeformt haben. Ein Blick in die Zukunft zeigt aber auch, dass neue Technologien und gesellschaftliche Veränderungen neue Herausforderungen bringen werden. Inklusion ist, so viel dürfen wir nach 80 Jahren des ständigen Wandels festhalten, kein abgeschlossener Prozess. Barrierefreiheit, Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe müssen immer wieder neu erkämpft, gestaltet und verteidigt werden – nicht nur heute, am Tag der Menschen mit Sehbehinderungen, oder an anderen bedeutenden Aktionstagen, die für wichtige Aufmerksamkeit sorgen. Wir werden den Weg weiterhin unserem Motto „Gemeinsam mehr sehen“ entsprechend gehen – und das in guter Gesellschaft.
