BSVÖ: Tag der Arbeitslosigkeit? Menschen mit Behinderungen am Tag der Arbeit.
Der 1. Mai steht für Rechte, Würde und faire Chancen im Arbeitsleben. Doch für viele Menschen mit Behinderungen in Österreich bleibt dieses Versprechen bis heute unvollständig eingelöst. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist nach wie vor von Hürden geprägt – strukturell, gesellschaftlich und politisch. Aktuelle Zahlen zeigen deutlich, wie groß die Ungleichheit ist: Mehr als jede vierte junge Person mit Behinderung ist weder in Ausbildung noch in Beschäftigung und auch insgesamt betrachtet ist nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Menschen mit Behinderungen erwerbstätig. Diese Zahlen sind kein Ausdruck individueller Defizite. Im Gegenteil, sie verweisen auf strukturelle Missstände, die Chancengleichheit verhindern.
Startschwierigkeiten am Bildungsweg
Die Benachteiligung beginnt häufig lange vor dem Einstieg ins Berufsleben, denn wem der Zugang zu bedarfsorientierten und qualitativ hochwertigen Bildungsoptionen fehlt, hat zwangsläufig auch schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt. Lediglich 37 % der Österreicher:innen mit Behinderungen hatten im Jahr 2024 eine Lehre als höchsten Bildungsabschluss, wie eine Zusammenfassung der Statistik Austria im Auftrag des Sozialministeriums zeigte. Das Angebot an barrierefreien Bildungsmaßnahmen ist für Menschen mit Behinderungen generell gesehen weniger umfangreich, was zu schlechteren Bildungs- und Ausbildungschancen führt. Nicht selten müssen blinde und sehbehinderte Menschen das Bildungssystem mit geringeren Abschlüssen verlassen. Nicht weil es an Fähigkeiten fehlt, sondern weil Barrieren aller Arten ein Weiterkommen erschweren oder sogar verhindern. Während fehlende Barrierefreiheit, mangelnde Ressourcen im Bildungssektor und nicht zuletzt individuelle Diskriminierungen dazu führen, dass Potenziale nicht erkannt oder gefördert werden, gehen nicht zuletzt wertvolle Arbeitskräfte verloren. Von dem Ausmaß individueller Probleme, die dadurch entstehen, ganz zu schweigen.
Arbeit ermöglichen, Armut verhindern
Denn Arbeit bedeutet weit mehr als nur ein Einkommen. Für alle Menschen ist Erwerbsarbeit ein zentraler Schlüssel zu Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Teilhabe und finanzieller Sicherheit – das gilt natürlich auch für Menschen mit Behinderungen. Dennoch ist der Aspekt der Bezahlung ein essentieller – vor allem mit Blick auf Berichte der Statistik Austria, die zeigen, dass das mittlere Nettohaushaltseinkommen von Menschen mit Behinderungen geringer ist als das von Erwerbstätigen ohne Behinderungen und dass 29 % der in Österreich lebenden Menschen mit Behinderungen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind. Bezahlte Arbeit ermöglicht es, das eigene Leben unabhängig zu gestalten und aktiv am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken. Gleichzeitig schützt sie vor Armut, von der Menschen mit Behinderungen überdurchschnittlich häufig betroffen sind. Darüber hinaus schafft Arbeit nicht nur wirtschaftliche Stabilität, sondern auch Anerkennung, Zugehörigkeit und Perspektive.
Win – Win für Unternehmen und Mitarbeiter:innen
Auch Unternehmen profitieren davon, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Vielfalt im Team fördert Innovation, weil unterschiedliche Perspektiven neue Lösungswege eröffnen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels bleibt ein großes Potenzial ungenutzt, wenn qualifizierte Menschen aufgrund von Barrieren ausgeschlossen werden.
Wege der Besserung?
Damit sich die Situation nachhaltig verbessert, braucht es klare Maßnahmen. Barrieren müssen konsequent abgebaut werden – sowohl im physischen als auch im digitalen und organisatorischen Bereich. Bildungschancen müssen gerechter verteilt werden, damit alle Menschen unabhängig von einer Behinderung Zugang zu Ausbildung und Weiterbildung haben. Der Übergang von der Schule in den Beruf muss gezielt unterstützt werden, insbesondere für junge Menschen. Und nicht zuletzt braucht es einen grundlegenden Perspektivenwechsel: weg von isolierenden Sonderstrukturen hin zu echter Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt – mit fairer Bezahlung und echten Entwicklungsmöglichkeiten.
Der Tag der Arbeit erinnert daran, dass Rechte nicht selbstverständlich sind, sondern immer wieder eingefordert werden müssen. Solange Menschen mit Behinderungen geringere Chancen auf Arbeit haben, bleibt Gleichberechtigung unvollständig. Eine inklusive Arbeitswelt ist keine freiwillige soziale Geste, sondern eine Frage der Gerechtigkeit – und letztlich ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

