BSVÖ: Widerstand und gemeinsame Wege am internationalen Protesttag der Menschen mit Behinderungen.

Protesttag © BSVÖ
Portrait Dr. Markus Wolf: Protest wird manchmal als Störung wahrgenommen. Und ja, ich hoffe wir stören.
Denn wenn wir stören, dann werden wir
auch gehört.
Als 1992 der erste Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen von der internationalen Selbstvertretungsorganisation Disabled Peoples International initiiert und bewusst auf den 5. Mai (Gründungstag des Europarates) gelegt wurde, war die Welt noch eine andere. Vieles hat sich seit damals nicht zuletzt auf gesetzlicher Ebene getan und Fortschritte wurden primär aufgrund der unermüdlichen Arbeit von Behindertenrechtsorganisationen, Aktivist:innen und Interessensvertreter-Gruppierungen durchgesetzt. Und dennoch: Mehr als 30 Jahre nach dem ersten Protesttag ist die inklusive und chancengleiche Gesellschaft weiterhin eine Utopie.
Es ist ein seltenes Phänomen, dass sich Verbesserungen von alleine einstellen. In der Regel sind Vorarbeit, Planung und Organisation notwendig, um Fortschritt zu bewirken, der nachhaltig und für alle Beteiligten sinnvoll ist. Dies gilt auch für die Lebensrealität von Menschen mit Behinderungen. Rechte mussten im Laufe der Jahrhunderte gefordert, Missstände mit Nachdruck aufgezeigt und beseitigt werden. Während es viel Kraft kostet, bestehende Barrieren abzutragen, wachsen neue scheinbar mühelos und über Nacht wieder nach. Es ist deshalb immer notwendig, gegenwärtige Entwicklungen aufmerksam zu beobachten und zu intervenieren, sobald neue Maßnahmen zur Inklusion gesetzt werden müssen, um neue Barrieren wieder auszubügeln. Im besten Fall kommt es nicht so weit, weil Interessensvertretungen schon in die Planungsphasen eingebunden sind und Inklusion als unabdingbare Grundlage im Entscheidungsfindungsprozess mitgedacht wird.
Fehlt die Zusammenarbeit und Berücksichtigung der Bedürfnislage vorab und werden neue Barrieren geschaffen – oder wird an der Auflösung bestehender Diskriminierungen, Exklusion und verhinderter Teilhabe nicht gearbeitet, gilt es, die Stimme zu erheben. Dr. Markus Wolf, Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich hält dazu fest:
„Wenn wir nie protestieren würden, dann würden wir auch wahrscheinlich nicht viel erreichen. Manchmal müssen wir gemeinsam protestieren, um uns Gehör für unsere Anliegen zu verschaffen. Wir haben schon viel erreich, aber noch bestehen Diskriminierungsfälle im Alltag, gegen die protestieren müssen, bis diese abgeschafft sind.”
Unser Protest ist die Antwort auf Ungleichstellung und Missstände, die so nicht weiter akzeptiert werden können. Er ist ein notwendiges Werkzeug im Kampf um die Einführung, Anerkennung und nachhaltige Anwendung von Rechten. Und er kann ungemütlich werden.
„Protest wird manchmal von manchen Personen als Störung wahrgenommen“, bringt es Dr. Wolf auf den Punkt. „Und ja, ich hoffe wir stören. Denn wenn wir stören, dann werden wir auch gehört.”
Auf lange Sicht aber ist der Protest von Menschen mit Behinderungen auch ein Mittel, das die Grundlage für eine gemeinsame und inklusive Welt darstellt.
Der Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich (BSVÖ) setzt sich seit 80 Jahren für die Rechte von blinden und sehbehinderten Menschen in Österreich und über die Landesgrenzen hinaus ein. Protest gegen bestehende Missstände war und ist ein essentieller Teil der Verbandsarbeit. Gemeinsam die Stimme zu erheben, Barrieren aufzuzeigen und Entscheidungsträger:innen zu sensibilisieren, Lobbyarbeit zu leisten und Druck auszuüben, macht den Verband ebenso aus wie sein Einsatz im direkten Kontakt mit den Mitgliedern.
Dabei hat sich schon bald gezeigt, dass im Protest der gemeinsame Weg besonders wichtig ist. Wer alleine protestiert und Forderungen stellt, ist weniger laut, als wenn sich mehrere zusammentun, um für die gemeinsame Sache einzutreten. Der BSVÖ ist deswegen als gut vernetzter Partner auf nationaler und internationaler Ebene aktiv und schätzt die enge Kooperation mit Partnerorganisationen und Einrichtungen, die am selben Strang ziehen. Das Motto „Gemeinsam mehr sehen“ wird so zur gelebten Verbandspraxis – am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und an allen anderen Tagen im Jahr.
