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BSVÖ im Fokus: Protest! Geschichte der Behindertenrechtsbewegung. Aufbruch in ein neues Selbstverständnis.

  • BSVÖ im Fokus © BSVÖ

Mit dem BSVÖ-Fokusthema widmen wir uns den gesamten Mai hindurch der Geschichte der Behindertenprotestbewegung, da am 5. Mai ist Protesttag der Menschen mit Behinderungen begangen wird. Letzte Woche starteten wir unseren Rückblick auf die Anfänge der Geschichte, nun geht es mit den 70ern in eine Zeit des Umbruches.

Lange waren Behinderungen als individuelles und medizinisches Defizit wahrgenommen worden, das Kompensiert werden muss oder zur gesellschaftlichen Exklusion führt.

Die Geschichte der Behindertenprotestbewegung weltweit seit den 1970er-Jahren ist geprägt von einem grundlegenden Perspektivenwechsel: weg von Fürsorge und medizinischer Kontrolle hin zu Bürgerrechten, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe. Diese Entwicklung verlief nicht linear, sondern in Wellen, die eng mit anderen sozialen Bewegungen – etwa der Bürgerrechts-, Frauen- und Antikriegsbewegung – verbunden waren.

In den 1970er-Jahren formierte sich erstmals eine international sichtbare Behindertenprotestbewegung. Besonders in den USA und Großbritannien begannen Menschen mit Behinderungen, sich gegen institutionelle Diskriminierung und Segregation zu wehren. Ein zentrales Ereignis war die sogenannte „504 Sit-in“-Bewegung von 1977 in den Vereinigten Staaten, bei der Aktivistinnen und Aktivisten Regierungsgebäude besetzten, um die Umsetzung von Antidiskriminierungsregelungen zu erzwingen. Führende Persönlichkeiten wie Judith Heumann spielten dabei eine entscheidende Rolle. Parallel dazu entstand in Großbritannien die Union of the Physically Impaired Against Segregation (UPIAS), die das sogenannte soziale Modell von Behinderung entwickelte: Nicht die individuelle Beeinträchtigung, sondern gesellschaftliche Barrieren wurden als Hauptursache von Behinderung verstanden. Diese theoretische Neuausrichtung wurde zu einem zentralen Fundament der Bewegung.

Die 1980er-Jahre brachten eine stärkere internationale Vernetzung und politische Sichtbarkeit. Das von den Vereinten Nationen ausgerufene „Internationale Jahr der Behinderten“ markierte dabei einen wichtigen Wendepunkt. Es trug dazu bei, den nur gerechten Anspruch auf Grundrechte und Forderungen darüber hinaus von Menschen mit Behinderungen weltweit auf die politische Agenda zu setzen und förderte die Entstehung zahlreicher Selbstvertretungsorganisationen. In vielen Ländern begannen Aktivist:innen, sich unter dem Slogan „Nothing about us without us“ zu organisieren. Proteste richteten sich gegen Sondereinrichtungen, fehlende Barrierefreiheit und den Ausschluss vom Arbeitsmarkt. Gleichzeitig entstanden erste internationale Netzwerke, die den Austausch von Strategien und Forderungen ermöglichten. Die Geburtsstunde der aussichtsreichen Selbstorganisation war angebrochen.

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