BSVÖ im Fokus: Hilfsmittel! Ein Blick in die Zukunft.
Digitalisierung und KI sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber können sie auch die Zukunft der Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen verbessern? Im BSVÖ-Fokus wagen wir den Blick in die Zukunft und stellen Prognosen auf, worauf wir uns möglicherweise freuen können und was uns zu denken geben könnte…
Laufende Entwicklung für wachsende Zielgruppe
Mit dem Aufkommen von Smartphones und leistungsfähigen Kameras beschleunigte sich auch die Entwicklung sprechender Assistenzsysteme. Apps wurden darauf programmiert, Texte zu erkennen, Gegenstände zu identifizieren oder sogar das Umfeld zu beschreiben. Was Jahrzehnte zuvor noch Zukunftsmusik war, ist seit wenigen Jahren einer immer breiteren Menge an Menschen zugänglich – und das relativ niederschwellig.
Ein bekanntes Beispiel ist etwa die Microsoft-App „Seeing AI“, die mithilfe künstlicher Intelligenz gedruckte Texte vorliest, Produkte erkennt und sogar kurze Beschreibungen von Personen oder Umgebungen geben kann. Eine andere weit verbreitete Anwendung ist die App „Be My Eyes“, die als Schnittstelle fungiert. Hergestellt wird hier nämlich eine Verbindung zwischen Menschen mit Sehbehinderungen und Freiwilligen, die bei visuellen Aufgaben auch aus der Distanz helfen können.
KI flüstert ein
Neben Apps existieren aber natürlich auch spezielle Geräte, die visuelle Informationen direkt in gesprochene Sprache umwandeln. Hilfsmittel wie die OrCam MyEye werden an einer Brille befestigt und können mithilfe einer Kamera Texte lesen, Produkte erkennen oder Gesichter identifizieren. Die Informationen werden anschließend über einen kleinen Lautsprecher oder ein Knochenleitungssystem ins Ohr gesprochen.
KI-Brillen und intelligente Kamerasysteme halten Ausschau
Gerade aber am Sektor der integrierten KI-Systeme zum Erkennen und akustischen Beschreiben der Umwelt tut sich besonders viel.
Smart Glasses mit Kamera, künstlicher Intelligenz und Sprachfeedback haben in den letzten wenigen Jahren große Entwicklungssprünge hingelegt. Verschiedene Forschungsprojekte kombinieren Kamera, Objekterkennung und Sprachsysteme, um Hindernisse, Texte oder Personen in Echtzeit zu erkennen. Moderne Prototypen nutzen dabei Deep-Learning-Modelle wie YOLO-Algorithmen zur Objekterkennung.
Auch der Einsatz von zusätzlicher generativer KI wird mehr am Hilfsmittelsektor. LLM-basierte Systeme werden aber nicht nur in Assistenzbrillen verwendet, wo sie die Umgebung analysieren und kontextbezogene Hinweise zur Navigation über Vibration oder Sprache geben. Auch der gute, alte Langstock wird modern.
Aktuelle Forschungsprototypen kombinieren ihn mit Kameras, Tiefensensoren, Computer Vision und Vibrationsfeedback. In dem Beispiel ist etwa der IoT-Smart-Cane, der mit Kamera und KI Hindernisse erkennt und akustische oder vibrierende Warnungen ausgibt.
Näheres zum smarten Langstock finden Sie unter: Smart Cante
Auf allen Ebenen: Multimodale KI-Assistenzsysteme
Neue Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen entstehen heute also vor allem dort, wo mehrere digitale Technologien miteinander kombiniert werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von multimodalen KI-Assistenzsystemen. Solche Systeme verbinden Kameras zur Bilderkennung, Sprachassistenten, große Sprachmodelle sowie personalisierte Nutzerprofile. Dadurch können sie ihre Umgebung nicht nur erfassen, sondern auch verständlich erklären.
Das Forschungsprojekt „Audo-Sight“ zeigte 2025 auf, was schon möglich ist: Es analysiert die Umgebung mithilfe künstlicher Intelligenz und liefert situationsabhängige Informationen. In einem Museum könnte es etwa beschreiben, vor welchem Ausstellungsstück eine Person steht, während es in einem Einkaufszentrum Geschäfte oder Eingänge erkennt. Der entscheidende Unterschied zu früheren Hilfsmitteln liegt darin, dass diese Systeme zunehmend Kontext verstehen. Sie erkennen also nicht nur einzelne Objekte, sondern können auch erklären, wie diese zusammenhängen.
Mehr dazu finden Sie unter: Audo-Sight
Jetzt geht es unter die Haut: Sensorische Erweiterung des Körpers
Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die sogenannte sensorische Substitution. Dabei werden visuelle Informationen über andere Sinne vermittelt, zum Beispiel durch Vibrationen, räumliche Klangsignale oder taktile Impulse. Ziel ist es, Bilder nicht direkt zu beschreiben, sondern sie in andere Wahrnehmungsformen zu übersetzen.
Moderne Systeme kombinieren dafür verschiedene Sensoren wie Ultraschall, LiDAR oder RFID. Dadurch kann eine Art 360-Grad-Umgebungswahrnehmung entstehen. Mit etwas Übung lernen Nutzer, diese Signale zu interpretieren, und entwickeln mit der Zeit ein intuitives Gefühl für ihre Umgebung – fast wie einen zusätzlichen Sinn für Raum und Bewegung.
Gut vernetzt
Viele neue Hilfsmittel sind außerdem miteinander vernetzt. Smartphones, Cloud-Dienste und Navigationssysteme tauschen Daten aus und erweitern so die Möglichkeiten der Orientierung. Ein wichtiges Forschungsfeld ist dabei die Indoor-Navigation, also die Orientierung in Gebäuden. Technologien wie Bluetooth-Beacons, RFID-Tags, KI-Navigation oder digitale Gebäudekarten sollen künftig helfen, sich in Bahnhöfen, Einkaufszentren oder Universitäten besser zurechtzufinden.
Rosige Zukunft?
Die Frage, die wir uns als Nutzer:innen moderner Hilfsmittel früher oder später stellen müssen, ist, zu welchem Preis sie wirklich kommen. Wie sicher sind sie denn eigentlich? Kann ich mich darauf verlassen, dass die KI die Umgebung wirklich erkennt und dass Texte korrekt vorgelesen werden? Je größer der Einflussbereich und das vermeintlich selbstständige Agieren der KI werden, desto größer wird auch das Risiko, dass sie durch Fehler fehlleitet, Umgebungen nicht wertfrei beschreibt und beim Einkaufen womöglich durch gesponserte Inhalte Produkte eher erkennt und erwähnt als andere. Wie weit KI die Selbstbestimmtheit im Endeffekt dann doch für sich kapert, wird sich zeigen. Fakt ist, dass wir uns immer schneller von der sprechenden Uhr entfernen und in das Zeitalter der Uhren kommen, die nicht nur wissen, wie spät es ist, sondern auch, warum wir unseren Zug verpassen werden, wenn wir uns nicht sofort auf den Weg machen …
Die Landesorganisationen des BSVÖ beraten zu Hilfsmitteln aller Art und helfen bei Anträgen und Förderoptionen! Machen Sie sich einen Termin in Ihrer Landesorganisation aus: www.bsv-austria.at

