BSVÖ im Fokus: Hilfsmittel! Kuriositäten und Experimente.
Hinter jedem Hilfsmittel stecken Jahre der Forschung, Arbeit und des Ausprobierens. Und nicht alle zündende Ideen führten auch wirklich zu Assistenzsystemen, die sich als praktikabel und nachhaltig erwiesen haben. Im BSVÖ-Fokus sehen wir uns einige (gut gemeinte aber) letztendlich gescheiterte Hilfsmittelerfindungen an, die den Sprung in die Massenproduktion dann doch nicht geschafft haben…
Am Anfang steht die gute Idee
Im Laufe der Geschichte wurden für blinde und sehbehinderte Menschen nicht nur klassische Hilfsmittel wie Braille, Taststock oder Screenreader entwickelt. Immer wieder entstanden auch ungewöhnliche, experimentelle oder heute etwas kurios wirkende Geräte, die zeigen, wie kreativ kluge Köpfe versucht haben, Informationen ohne Sehen zugänglich zu machen.
Lesemaschinen mit mechanischer „Tastfunktion“
Eine der ungewöhnlichsten Entwicklungen waren mechanische Lesemaschinen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel ist das Optacon, das Anfang der 1970er-Jahre entwickelt wurde.
Das Gerät wurde unter anderem von dem Ingenieur John G. Linvill an der Stanford University entwickelt. Eine kleine Kamera scannte gedruckte Buchstaben und übertrug deren Form auf eine vibrierende Stiftplatte. Nutzer konnten dadurch die Form der Buchstaben mit dem Finger fühlen und so normalen Drucktext lesen. Das System war technisch beeindruckend, aber schwer zu erlernen – viele Nutzer:innen blieben lieber bei den schon lange etablierten Brailleschriftsystem.
Geräte, die Bilder in Geräusche verwandeln
Eine besonders ungewöhnliche Idee war es, Bilder in Töne oder Klangmuster umzuwandeln. Ein Beispiel ist das System The vOICe, entwickelt von Peter Meijer in den 1990er-Jahren.
Eine Kamera nimmt dabei ein Bild auf. Die Software übersetzt dieses Bild in eine Art Klanglandschaft:
- hohe Töne stehen für hohe Positionen im Bild
- tiefe Töne für untere Bereiche
- Lautstärke für Helligkeit
Mit Training können Nutzer:innen daraus tatsächlich Formen, Türen oder Personen erkennen – allerdings ist die Einwirkung der Töne für viele eine zu hohe Reizbelastung. Dennoch: eine spannende Idee, die Umwelt nichtvisuell abzubilden!
Elektronische Orientierungsgürtel
Ein weiteres ungewöhnliches Konzept stellt der Orientierungsgürtel, der mit Vibrationen arbeiten. Ein Beispiel ist der FeelSpace Belt, entwickelt an der Universität Osnabrück. Der Gürtel enthält mehrere kleine Vibrationsmotoren und zeigt ständig die Richtung nach Norden an.
Mit längerer Nutzung und viel Training entwickeln manche Nutzer:innen ein intuitives Gefühl für die Orientierung im Raum.
2005 wurde der Grundstein für den Orientierungsgürtel von Prof. Peter König vom Studiengang Kognitionswissenschaften in Form eines Forschungsprojekts gelegt: „Das Ziel des Projektes war der Frage nachzugehen, ob der Mensch einen neuen Sinn erlernen kann. Es entstand der Kompassgürtel als Mittel der Wahl zur Übermittlung der Information, wo sich der magnetische Norden befindet.“ Heute ist aus dem Projekt die feelSpace GmbH entstanden, die weiter an neuen Hilfsmitteln arbeitet und diese auch zugänglich macht.
Mehr dazu unter: https://feelspace.de/
Ultraschall-„Fledermausgeräte“
Einige Hilfsmittel versuchten, die Orientierung von Fledermäusen nachzuahmen. Ein bekanntes Beispiel ist das Sonicguide, das in den 1960er-Jahren entwickelt wurde.
Das Gerät sendet Ultraschallimpulse aus und wandelt die reflektierten Signale in Töne um. Je näher ein Hindernis ist, desto höher oder intensiver wird der Ton.
Obwohl solche Geräte technisch funktionierten, setzten sie sich nie breitenwirksam durch, weil sie relativ schwer zu interpretieren waren und der weiße Taststock weiterhin praktischer blieb.
Grundsteine für weitere Forschung
Auch wenn sich die unterschiedlichen Konzepte nicht durchgesetzt haben und vieles wieder in der Schublade verschwand, gilt für alle Ideen doch, dass sie die Grundlage für Weiterentwicklungen waren. Der heutige Stand am Hilfsmittelsektor zeigt eine breite Palette an Assistenztechnologien, die ein selbstbestimmtes Leben fördern und unterstützen sollen. Ohne all der vorangegangenen Ideen und Entwicklungen – gescheitert oder auch nicht – wäre der heutige Stand nicht möglich geworden. Wohin die Reise weitergeht, wird sich zeigen. So viel sei aber schon einmal verraten: im kommenden BSVÖ-Fokus wagen wir den Blick in die Zukunft der Hilfsmittel!
Die Landesorganisationen des BSVÖ beraten zu Hilfsmitteln aller Art und helfen bei Anträgen und Förderoptionen! Machen Sie sich einen Termin in Ihrer Landesorganisation aus: www.bsv-austria.at

