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BSVÖ im Fokus: Hilfsmittel! Ein Langstock erobert die Welt.

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In unserer BSVÖ im Fokus Reihe widmen wir uns den Alltagshelfern, die das Leben nicht nur leichter machen, sondern Voraussetzungen für sichere Mobilität, Teilhabe und Selbstbestimmtheit sind. Wir lassen den weißen Langstock hochleben, besprechen Hilfsmittel, die bellen können, untersuchen die Zukunft der Hilfsmittel und sehen uns zum Schluss noch einige Kuriositäten näher an.

Der Taststock – heute meist als weißer Langstock bekannt – ist eines der wichtigsten Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. Seine heutige Form entstand jedoch nicht auf einmal, sondern entwickelte sich Schritt für Schritt über mehrere Jahrzehnte hinweg...

Schon lange bevor es einen speziell entwickelten Blindenstock gab, nutzten blinde Menschen einfache Gehstöcke zur Orientierung. Diese Stöcke waren meist aus Holz und nicht besonders lang. Sie dienten vor allem dazu, den Boden direkt vor den Füßen abzutasten und Hindernisse zu erkennen. Eine einheitliche Form oder eine besondere Kennzeichnung gab es dabei nicht. Der Stock war schlicht ein praktisches Hilfsmittel, ähnlich wie ein Wanderstock.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand die Idee, den Stock auch als sichtbares Signal für andere Verkehrsteilnehmer zu verwenden. Einer der ersten dokumentierten Fälle stammt aus dem Jahr 1921. Der britische Fotograf James Biggs verlor nach einem Unfall sein Augenlicht und hatte Schwierigkeiten, sich im Straßenverkehr zurechtzufinden. Um von Autofahrern besser gesehen zu werden, bemalte er seinen Stock einfach weiß. Diese Idee verbreitete sich jedoch zunächst nur langsam.

Guilly d'Herbemont für mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Einen entscheidenden Schritt machte einige Jahre später die französische Aktivistin Guilly d'Herbemont. In der schnell wachsenden Verkehrswelt der 1920er-Jahre, besonders in der Stadt Paris, wurden blinde Fußgänger im Straßenverkehr häufig übersehen. D’Herbemont schlug deshalb vor, blinden Menschen einen weiß gestrichenen Stock zu geben, der als deutliches Warn- und Erkennungszeichen dienen sollte. Am 7. Februar 1931 wurden in Paris die ersten weißen Stöcke offiziell überreicht. In den folgenden Jahren wurden tausende solcher Stöcke verteilt. Damit entstand der weiße Stock als internationales Symbol für Blindheit.

Der Stock war zu dieser Zeit allerdings noch relativ kurz und funktionierte eher wie ein traditioneller Gehstock. Die moderne Form des langen Taststocks entwickelte sich erst während des Zweiten Weltkriegs. Der amerikanische Rehabilitationsspezialist Richard Edwin Hoover arbeitete mit Soldaten, die im Krieg ihr Augenlicht verloren hatten. 1944 entwickelte er eine neue Methode der Orientierung, die heute als Hoover-Technik bekannt ist. Dabei wird ein längerer, leichter Stock in einem gleichmäßigen Schwung von links nach rechts bewegt. So kann die Person Hindernisse bereits erkennen, bevor sie mit den Füßen dagegen stößt. Gleichzeitig entstand ein systematisches Training für Orientierung und Mobilität, das bis heute in der Ausbildung blinder Menschen verwendet wird.

Schnittiges Modell 

Mit dieser Entwicklung erhielt der Taststock seine heutige Grundform: ein langer, leichter Stock, der den Raum vor dem Körper abtastet. In den folgenden Jahrzehnten wurden Materialien und Bauweisen weiter verbessert. Während frühe Modelle meist aus Holz bestanden, kamen später Aluminium, Glasfaser und schließlich moderne Verbundstoffe wie Carbon zum Einsatz. Dadurch wurden die Stöcke leichter, stabiler und gleichzeitig empfindlicher für taktile Rückmeldungen vom Boden.

Der Tag des Weißen Stocks

Auch die gesellschaftliche Bedeutung des weißen Stocks wuchs im Laufe der Zeit. 1964 erklärte der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson den 15. Oktober zum White Cane Safety Day. Dieser Tag sollte das Bewusstsein dafür stärken, dass Menschen mit weißem Stock im Straßenverkehr besondere Rücksicht benötigen. Heute ist der weiße Stock in vielen Ländern gesetzlich als Signal für Blindheit anerkannt.

Obwohl es weltweit verschiedene Hersteller und Bauformen gibt – etwa starre Langstöcke, faltbare Modelle oder teleskopische Varianten – bleibt das Grundprinzip des Taststocks bis heute erstaunlich konstant. Seine Einfachheit ist zugleich seine größte Stärke. Ein leichter Stock, der den Boden tastet und Hindernisse frühzeitig anzeigt, ermöglicht blinden Menschen ein hohes Maß an selbstständiger Orientierung und Mobilität. Gerade deshalb gilt der weiße Langstock bis heute als eines der bedeutendsten Hilfsmittel für blinde Menschen – eine Erfindung, die Technik, Alltagspraxis und gesellschaftliche Symbolkraft auf besondere Weise miteinander verbindet.

Die Landesorganisationen des BSVÖ beraten zu Hilfsmitteln aller Art und helfen bei Anträgen und Förderoptionen! Machen Sie sich einen Termin in Ihrer Landesorganisation aus: www.bsv-austria.at

 

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