Formular für Anfragen

Newsletter Anmeldung

Arbeiten – und dafür bestraft werden? Warum Menschen mit Behinderungen in Europa oft in eine „Leistungsfalle“ geraten

  • EBU © BSVÖ

Arbeit bedeutet Teilhabe, Selbstbestimmung und soziale Anerkennung. Doch für viele blinde und sehbehinderte Menschen in Europa ist der Schritt in eine bezahlte Beschäftigung mit einem großen Risiko verbunden: dem Verlust von notwendigen Sozialleistungen. Genau dieser Problematik widmet sich ein aktuelles Hintergrundpapier der Europäischen Blindenunion (EBU).

Die „Disability Benefits Trap“

In vielen EU-Ländern gilt: Wer arbeitet, verliert ganz oder teilweise seine Invaliditäts- oder Behindertenleistungen. Oft geschieht das schon bei sehr geringen Einkommen oder wenigen Arbeitsstunden. Das Ergebnis ist eine sogenannte „Disability Benefits Trap“ – eine Situation, in der sich Arbeit finanziell nicht lohnt oder sogar zu mehr Armut führt.

Zahlen von OECD und Eurostat zeigen: Auch wenn Beschäftigung grundsätzlich das Armutsrisiko senkt, sind Menschen mit Behinderungen deutlich häufiger von Armut trotz Beschäftigung betroffen. Der Verlust von Leistungen ist dabei ein zentraler Faktor.

Wo die Systeme versagen

Die EBU hat die Systeme in den EU-Mitgliedstaaten verglichen und mehrere problematische Muster identifiziert:

  • Entweder Arbeit oder Leistung: In manchen Ländern sind Invaliditätsleistungen praktisch nicht mit Erwerbsarbeit vereinbar.
  • Kein finanzieller Anreiz: Zusatzeinkommen aus Arbeit wird durch Kürzungen nahezu vollständig neutralisiert.
  • Keine abgesicherte Basis: Es fehlt ein geschützter Teil der Leistungen, der die zusätzlichen Kosten von Behinderung (z. B. Assistenz, Mobilität, Hilfsmittel) abdeckt.
  • Abhängigkeit vom Haushalt: Leistungen werden am Einkommen der Familie gemessen – und nicht an der individuellen Situation.
  • Kein Sicherheitsnetz: Wer Arbeit ausprobiert und scheitert, hat oft keinen Anspruch mehr auf frühere Leistungen.

Auch in Österreich gibt es teilweise problematische Muster, etwa durch die eingeschränkte Vereinbarkeit von Invaliditäts- bzw. Erwerbsunfähigkeitspensionen mit Erwerbsarbeit, auch wenn diese nur in sehr geringem Ausmaß ausgeübt wird. Das sendet ein fatales Signal: statt Teilhabe zu fördern, werden Menschen mit Behinderungen für ihre Eigeninitiative bestraft. Positiv ist natürlich, dass etwa das Pflegegeld in Österreich unabhängig von der Einkommens- und Beschäftigungssituation ausbezahlt wird.

Gute Beispiele zeigen: Es geht auch anders

Einige Länder – darunter Schweden, Tschechien oder Kroatien – zeigen, dass Systeme möglich sind, die Arbeit ermutigen statt verhindern. Dort bleiben zentrale Leistungen erhalten oder es gibt geschützte Beträge, die unabhängig vom Einkommen bestehen bleiben. In manchen Ländern werden sogar höhere behinderungsbedingte Kosten berücksichtigt, wenn jemand arbeitet.

Was fordert die EBU?

Die Europäische Blindenunion fordert von der Europäischen Kommission klare Mindeststandards:

  • Leistungen müssen mit Arbeit vereinbar sein.
  • Zusätzliche Kosten durch Behinderung müssen dauerhaft abgesichert werden.
  • Arbeit darf nicht zu einem sozialen Risiko werden.

Ziel ist es, die sogenannte Leistungsfalle systematisch im Rahmen des Europäischen Semesters zu adressieren – also dort, wo die wirtschafts- und sozialpolitischen Leitlinien für die Mitgliedstaaten entstehen.

Wie geht es weiter?

Das EBU-Positionspapier wurde bereits an die zuständigen Stellen der Europäischen Kommission übermittelt. Dort wurde es an die Länderreferent:innen der Generaldirektion Beschäftigung und Soziales weitergeleitet – jene Expert:innen, die die Länderberichte für den Europäischen Semesterprozess 2027 vorbereiten.
Das ist jedoch erst der erste Schritt: wir werden unsere Arbeit zu diesem Thema im gesamten Jahr 2026 konsequent fortsetzen, denn: echte Inklusion bedeutet nicht nur Zugang zum Arbeitsmarkt – sondern auch ein soziales Sicherungssystem, das Arbeit ermöglicht, statt sie zu verhindern.

Quelle: 

https://www.euroblind.org/sites/default/files/documents/Compatibility%20of%20Disability%20Benefits%20with%20Income%20from%20Work%20in%20the%20EU%20-%20EBU%20background%20note%20for%20European%20Semester%20(Dec.%202025).pdf

 

zurück