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BSVÖ im Fokus: Blinde Frauen – starke Stimmen: Tiffany Brar

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Im BSVÖ Fokus widmen wir blinden und sehbehinderten Aktivistinnen, die mit ihrem Einsatz für Inklusion die Welt verändern. Diese Woche im Fokus: wie schmerzhafte persönliche Diskriminierungserfahrungen zur Gründung einer Organisation, die Indiens Bildungschancen für blinde und sehbehinderte Menschen nachhaltig verbessern sollte. Wir stellen vor: Tiffany Brar!

 

Von persönlicher Erfahrung zur sozialen Mission

Tiffany Brar wurde 1988 in Chennai, Indien, geboren und verlor bereits sechs Monate nach ihrer Geburt ihr Augenlicht durch medizinische Fahrlässigkeit. Für Tiffany Brar wurde hiermit der Ausgangspunkt einer intensiven Reise der Selbstermächtigung und sozialen Verantwortung. Schon in ihrer Kindheit erlebte sie, wie sehr Vorurteile und fehlende Inklusion das Bildungserlebnis von Menschen mit Sehbehinderung prägen können: Sie wurde oft ans Ende des Klassenraums gesetzt, bekam ihre Braille-Unterlagen verspätet oder gar nicht und war mehrfach von Unterricht und Aktivitäten ausgeschlossen. Diese persönlichen Erfahrungen sensibilisierten sie früh für die strukturellen Barrieren, denen blinde Menschen meist begegnen, und legten den Grundstein für ihr späteres Engagement.

Der Weg zur Aktivistin und Pädagogin

Tiffany Brar machte aus diesen frühen Herausforderungen eine Vision: Menschen mit Blindheit nicht nur technische Fertigkeiten zu vermitteln, sondern ihnen Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Sie studierte Englisch-Literatur an der Universität Kerala und erwarb später einen Bachelor in Sonderpädagogik für Sehbehinderte an der Ramakrishna Mission Vivekananda University. Während dieser Zeit erkannte sie, wie viele blinde Menschen aufgrund von Isolation, fehlender Ausbildung und gesellschaftlicher Stigmatisierung in ihren eigenen vier Wänden gefangen blieben. Ihre akademische Ausbildung nutzte sie, um diese Marginalisierung in konkrete Veränderung umzuwandeln.

Nach ihrem Abschluss arbeitete Brar zunächst als Telefonistin bei Kanthari, einer Schule für soziale Unternehmer, wo sie mit anderen blinden und sehbehinderten Aktivistinnen zusammenkam. Die täglichen Begegnungen mit Menschen, die keine Schule besuchen konnten, weil ihnen der Zugang verwehrt blieb, inspirierten sie zu einer Idee: „Wenn blinde Menschen nicht zur Schule gehen können, dann muss die Schule eben zu ihnen kommen.“ Dieser Gedanke führte 2012 zur Gründung einer mobilen Blindenschule, die später zur Jyothirgamaya Foundation wurde – eine Organisation, die das Leben von Menschen mit Sehbehinderung in Indien nachhaltig verändert hat.

Ein Beitrag zur Inklusion und Chancengleichheit

Unter dem Sanskrit-Namen Jyothirgamaya – „Führe mich zum Licht“ – entwickelte Brar ein Bildungsmodell jenseits klassischer Lehrmethoden. Sie reiste mit öffentlichen Verkehrsmitteln und white cane (Weißem Stock) durch ländliche Regionen im Bundesstaat Kerala und suchte gezielt Menschen auf, die von Bildung und sozialen Angeboten ausgeschlossen waren. Sie schulte sie in Mobilität, Braille-Schrift, Kommunikations- und Alltagskompetenzen sowie digitaler Teilhabe, damit sie selbstbewusst ihren Alltag und ihr Berufsleben gestalten können.

Tiffany Brars Ansatz ging weit über reine Kompetenzvermittlung hinaus: Sie kämpfte auch für die gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz von Menschen mit Blindheit. Sie sensibilisierte Institutionen, Unternehmen und Gemeinden, Barrieren im Alltag, in Bildung und im digitalen Raum abzubauen. Dabei setzte sie sich besonders für die Stärkung von blinden Frauen ein, die häufig mehrfach diskriminiert werden – wegen ihres Geschlechts und ihrer Behinderung.

Anerkennung, Wirkung und Vermächtnis

Die Wirkung von Tiffany Brars Engagement ist heute weit über Kerala hinaus spürbar. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Nari Shakti Puraskar, eine der höchsten zivilen Ehren Indiens für Frauen, und den Holman Prize, der ihr internationale Anerkennung für ihren Einsatz einbrachte. Der frühere Präsident Indiens bezeichnete sie als „mutige Tochter Indiens“, ein Titel, der ihrem Beitrag zur sozialen Transformation gerecht wird.

Doch Brars Vermächtnis reicht weiter als jede Ehrung: Sie hat ein Modell von Partizipation und Empowerment geschaffen, das blinde Menschen nicht als „Empfänger von Fürsorge“, sondern als aktive Gestalter ihres eigenen Lebens versteht. Durch ihre Arbeit hat sie Generationen von Menschen Befähigung, Selbstvertrauen und Chancen eröffnet, die ihnen zuvor versagt blieben. Ihre Geschichte zeigt nicht nur, wie persönliches Erleben zu gesellschaftlicher Wirkung wird, sondern wie Inklusion und Chancengleichheit real gelebte Werte werden können – in Bildung, im Zugang zu Technologie und in der Art und Weise, wie wir Behinderung verstehen und adressieren.

Weiterführende Links:

Goethe-Institut: Tiffany Brar: https://www.goethe.de/prj/zei/en/exp/21924610.html

SheSight Magazin: Tiffany Brar und Nari Shakti Puraskar: https://shesightmag.com/meet-tiffany-brar-founder-of-jyothirgamaya-foundation-and-recipient-of-the-nari-shakti-puraskar-2022-a-visionary-who-herself-is-vision-challenged

 

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