BSVÖ im Fokus: Blinde Frauen – starke Stimmen: Gertrude Oforiwa Fefoame
Im BSVÖ Fokus stehen den gesamten März über starke Frauen mit Sehbehinderung, die durch ihren Einsatz und ihren Aktivismus große Schritte für Inklusion und Chancengleichheit gemacht habe. Diese Woche im Fokus: eine blinde Aktivistin aus Ghana, die 2023 mit ihrer Wahl zur Vorsitzenden dieses UN-Ausschusses als erste afrikanische Frau dieses Amt bekleidete. Vorhang auf für Gertrude Oforiwa Fefoame!
Frühe Jahre und sichtbare Hindernisse
Gertrude Oforiwa Fefoame wurde 1957 in Akropong-Akuapem in Ghana geboren. Bereits ab dem Alter von zehn Jahren verschlechterte sich ihr Sehvermögen, später führte eine fortschreitende genetische Augenerkrankung zur vollständigen Blindheit. In der Schulzeit wurde Gertrude schon mit Vorurteilen und fehlender Unterstützung konfrontiert, erhielt vom Lehrpersonal keine Zuwendung und musste sich auf die Mithilfe von Freund:innen in der Klasse verlassen, um Zugang zum Lernstoff zu erhalten. Diese Erfahrungen von Ausgrenzung und Ablehnung prägten sie tief und legten den Grundstein für ihr späteres Engagement.
Der Weg zur Bildung führte sie schließlich an die School for the Blind in Akropong-Akuapem, wo sie Brailleschrift und spezielles Lernmaterial kennenlernte. Dort stieß sie auf Menschen, die ihr zeigten, dass Blindheit keine Grenze sein muss – ein entscheidender Wendepunkt in ihrem Leben. Die frühen Diskriminierungserfahrungen, aber auch die Ermutigung durch andere blinde und sehbehinderte Menschen wurden zur treibenden Kraft für ihren späteren Einsatz für Inklusion und gleichberechtigte Bildungschancen.
Engagement für Bildung und Inklusion
Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin und weiteren akademischen Studien – darunter zwei Masterabschlüsse in Theologie sowie in Governance und Leadership – begann Fefoame ihre berufliche Laufbahn im Bildungs- und Sozialsektor. Sie arbeitete an der Schnittstelle von Bildung, Behindertenrechten und gesellschaftlicher Teilhabe. Trotz der zusätzlichen Hürden, die ihr als blinde Frau in einer Gesellschaft begegneten, die Menschen mit Behinderungen oft marginalisiert, setzte sie sich unermüdlich für die Verbesserung von Bildungszugang, Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten ein.
Ihre persönliche Geschichte von Überwindung und Lernen verwandelte sich in ein kraftvolles berufliches Engagement für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, besonders für Frauen und Mädchen. Sie lehrte zunächst an normalen und später an speziellen Schulen, bevor sie sich verstärkt auf politische und gesellschaftliche Advocacy-Arbeit konzentrierte. Die Herausforderung, Barrieren im Bildungssystem und in der Gesellschaft insgesamt abzubauen, wurde für sie zu einer zentralen Lebensaufgabe.
Globale Führung und UN-Engagement
Fefoames Engagement fand bald internationale Anerkennung. 2018 wurde sie in das United Nations Committee on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD) gewählt, ein unabhängiges Gremium, das die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention überwacht. Hier brachte sie nicht nur ihre fachliche Expertise ein, sondern auch ihre persönliche Erfahrung als blinde Frau, die die strukturellen und sozialen Barrieren kennt, die Menschen mit Behinderungen weltweit begegnen.
Ein historischer Höhepunkt in ihrer Karriere war die Wahl zur Vorsitzenden dieses UN-Ausschusses im Jahr 2023, womit sie als erste afrikanische Frau dieses Amt bekleidete – ein starkes Signal für mehr Diversität und Repräsentation in globalen Menschenrechtsinstitutionen. In dieser Rolle führte sie den Ausschuss bei der Überwachung der internationalen Umsetzung von Behindertenrechten, setzte sich für inklusive Bildung weltweit ein und arbeitete besonders darauf hin, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen mehr Gehör finden.
Parallel zur UN-Arbeit war sie lange als Global Advocacy Manager for Social Inclusion bei Sightsavers tätig – einer internationalen Organisation, die sich für die Beseitigung vermeidbarer Blindheit und die Stärkung rechtlicher Teilhabe von Menschen mit Behinderungen einsetzt. Für ihren lebenslangen Einsatz erhielt sie mehrere Auszeichnungen, darunter den World Blind Union Women’s Empowerment Award, mit dem ihr Beitrag zur Förderung und Stärkung blinder und sehbehinderter Frauen und Mädchen gewürdigt wurde.
Vermächtnis einer Visionärin
Gertrude Oforiwa Fefoame ist mehr als eine politische Repräsentantin – sie ist eine Pionierin, deren Leben die Grenzen von Behinderung und Ausschluss herausfordert. Als blinde Frau, die selbst Diskriminierung erfahren hat, wandelte sie persönliche Hürden in Stärke um und machte sich zu einer unermüdlichen Fürsprecherin für Inklusion, Gleichberechtigung und Barrierefreiheit. Ihr Einfluss reicht von lokalen Bildungsinitiativen bis zu globalen Menschenrechtsprozessen. Dabei betont sie stets, dass nicht die körperliche Einschränkung selbst, sondern die sozialen und strukturellen Barrieren der Gesellschaft Menschen behindern.
Ihr Vermächtnis lebt in den politischen Strukturen weiter, die sie beeinflusst hat, in den politischen Räumen, die sie geöffnet hat, und in den vielen Frauen und Mädchen mit Behinderungen, die heute selbstbewusst für ihre Rechte eintreten – inspiriert durch das Beispiel einer Frau, die gezeigt hat, wie weitblickend und nachhaltig Veränderung sein kann.
Weiterführende Links:
Sightsavers’ Women’s Empowerment Award / World Blind Union: https://www.sightsavers.org/news/2021/07/gertrude-receives-womens-empowerment-award
NPR: Disability Advocate Interview: https://www.wgvunews.org/2023-05-13/shes-a-u-n-disability-advocate-who-wont-see-her-own-blindness-as-a-disability
ModernGhana: Elected to CRPD: https://www.modernghana.com/news/861292/ghanas-gertrude-fefoame-elected-to-un-disabilities-committe

