Schnelle Halblösungen. Vom Schrecken der Accessibility Overlays
Accessibility Overlays sollen allen Nutzer:innen von Webseiten das Leben leichter machen und uns Barrierefreiheit schnell und zuverlässig einrichten. Und das fast ohne Aufwand für die Webseitenbetreibenden: das zumindest versprechen Anbieter von Overlays und verdienen daran oft nicht schlecht. Unter Barrierefreiheitsexpert:innen und Nutzer:innen haben die Overlays einen schlechten Ruf. Zu Recht? Warum die schnellen Lösungen für mehr Frust als Freude sorgen.
Wer eine Webseite betreibt und möchte, dass diese von allen User:innen benutzt werden kann, muss sich überlegen, wie Barrierefreiheit zustande kommt. Der Griff zur scheinbar einfachsten und schnellsten Lösung heißt dann oft: Accessibility Overlays. Mit nur einer Codezeile soll eine ganze Webseite barrierefrei für alle werden. Zu gut um wahr zu sein? Leider ja, auch wenn Overlays-Anbieter einer anderen Meinung sind und ihren Kund:innen große Versprechungen machen.
Vorteil: Schnelle „Lösung“ leichtgemacht
Ja, Overlays können Webseiten in bestimmten Bereichen barrierefrei machen – in der Theorie zumindest. Sie können den Kontrast auf einen Klick anpassen, Texte vorlesen lassen oder Texte vergrößern. Sie können Veränderungen an den Seiten vornehmen, die oberflächlich betrachtet Sinn machen und die vielleicht in einigen Teilbereichen auch wirklich zu einer verbesserten Nutzbarkeit führen. Bei trivialen Problemen können sie somit weiterhelfen. Dafür haben die meisten Endnutzer:innen allerdings schon bessere Lösungen auf ihren Geräten installiert, die von Expert:innen entwickelt wurden, jahrelang bewährt sind und ständig aktualisiert werden. Die weit weniger ausgereiften Overlays können also in diesen Bereichen nicht mithalten. Die Bereiche, die auch von Spezialprogrammen und Hilfsmitteln nicht erschlossen werden können, sind aber grundsätzlich so gestaltet, dass sie nicht barrierefrei sind. Da helfen dann auch die ohnehin weniger komplexen Overlyas nicht weiter.
Nachteil: keine Zuverlässigkeit
Auch wenn der Weg, den Overlays vorzugeben scheinen, kein komplett falscher ist, ist die tatsächliche Umsetzung nicht brauchbar. Overlays greifen in Webseiten ein, verändern und überlagern, was nicht barrierefrei ist, ohne dabei zuverlässig zu sein. Somit wird nicht selten mehr Schaden als Nutzen generiert. Weder smarte Widget-Lösungen noch, Plug-Ins, Symbolleisten oder KI Reparaturen können daran etwas ändern. Die Zugänglichkeit digitaler Inhalte liegt nicht in der Verantwortung des Nutzers, sondern des Eigentümers der Website. Die Bedürfnisse der Nutzer sollten erfüllt werden, indem sichergestellt wird, dass der Code auf der Website mit den bestehenden Gesetzen und den Normen für die digitale Zugänglichkeit übereinstimmt.
Wir raten daher den Käufern von Technologie im öffentlichen und privaten Sektor dringend, sich aktiv mit Expert:innenen für digitale Zugänglichkeit, Menschen mit Behinderungen und ihren Vertretungsorganisationen zusammenzusetzen, um die Bedürfnisse der Nutze:innen zu verstehen und zu ermitteln, wie diese erfüllt werden können.
Nur so kann sichergestellt werden, dass die Inhalte auf allen Geräten zugänglich und mit allen unterstützenden Technologien kompatibel sind. Es sollte keine Technologie zu einer Website hinzugefügt werden, wenn sie den Zugang für einige Nutzer verhindern könnte.
„Behindertenprofil“ und fertig?
Sogenannte „Behindertenprofile“ bieten eine Auswahl an Overlayoptionen, die an bestimmte Behinderungen angepasst sind. Ohne einzelne Optionen auswählen zu müssen, kommen die Profile quasi im Gießkannenprinzip über die Webseite und sollen somit alles Wichtige abdecken. So funktioniert Barrierefreiheit aber nicht. Webseiten müssen gewisse Standards der Barrierefreiheit erfüllen, um wirklich von allen Nutzer:innen bedient werden zu können und diese Standards sind nicht dazu da, nach Belieben herausgepickt und angewendet zu werden. Es ist eine Halblösung, die noch dazu aus oben erwähnten Gründen ohnehin nicht die Lösungen bringt, die sie verspricht. Wer seine Webseite wirklich barrierefrei gestalten will, muss sich an die aktuellen Standards für digitale Barrierefreiheit (WCAG 2.2) halten und im besten Fall mit Profis digitaler Barrierefreiheit kooperieren, die Webseiten ausführlich und individuell prüfen.
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