BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Mehrstärkenglas und Massenproduktion

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BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Mehrstärkenglas und Massenproduktion
Im BSVÖ- Fokus sehen wir uns die Geschichte der Brille genauer an. Von Lesesteinen über Nasenklemmer hin haben wir uns schon durch die Jahrhunderter erzählt. Im dritten Teil der Fokusreihe erfahren Sie, was Benjamin Franklin mit Bifokalgläsern zu schaffen hat und wieso Zelluloid für Leichtigkeit sorgt…
Eine Brille mit allem bitte!
Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einer weiteren Innovation, die die Nutzung der Brille nachhaltig veränderte: der Entwicklung der Bifokalbrille. Benjamin Franklin, der sowohl von Weitsichtigkeit als auch von Alterssichtigkeit betroffen war, kombinierte zwei unterschiedlich starke Linsen in einem Glas, um sowohl in die Ferne als auch in die Nähe scharf sehen zu können. Diese Lösung war pragmatisch und revolutionär zugleich, da sie den ständigen Wechsel zwischen verschiedenen Brillen überflüssig machte. Bifokalbrillen verbreiteten sich im 19. Jahrhundert zunehmend und bildeten die Grundlage für spätere Mehrstärkengläser.
Style, Fashion und Korrektur
Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde die Brille endgültig zum Massenprodukt. Neue Fertigungstechniken senkten die Kosten, standardisierte Glasstärken machten Brillen leichter verfügbar, und Metallfassungen ersetzten zunehmend schwere Konstruktionen aus Holz oder Horn. Gleichzeitig differenzierten sich nationale Stile aus. In England waren schlichte Drahtfassungen verbreitet, während in Frankreich elegantere, modischere Formen dominierten. In Deutschland entwickelte sich eine starke optische Industrie, die Präzision und medizinische Korrektur in den Vordergrund stellte. Die Brille verlor in dieser Zeit allmählich ihren elitären Charakter und wurde zu einem alltäglichen Hilfsmittel für breite Bevölkerungsschichten.
Meine Brille, meine Identität
Im 20. Jahrhundert wandelte sich die Brille schließlich grundlegend in ihrer kulturellen Bedeutung. Neue Materialien wie Zelluloid und später Kunststoff ermöglichten leichtere, stabilere und farbige Fassungen. Zugleich wurde die Brille zum Modeaccessoire und Identitätsmerkmal. Bestimmte Formen – etwa die Hornrandbrille der 1950er Jahre oder die Cat-Eye-Brille – wurden zu Symbolen ganzer Jahrzehnte. Die Brille konnte nun Intellektualität, Rebellion, Seriosität oder Individualität ausdrücken. Parallel dazu verbesserten sich die Glastechnologien erheblich. Entspiegelungen, gehärtete Gläser und schließlich Gleitsichtgläser lösten viele praktische Probleme früherer Modelle.
Im letzten Teil der Fokusreihe entwickelt sich die Brille am internationalen Markt zum Designobjekt weiter. Wie sie unsere Gegenwart auch heute noch mitgestaltet, erzählen wir nächste Woche!
Quellen und weiterführende Literatur
Bayerischer Rundfunk (BR): Alles Geschichte – History von Radiowissen. Podcastfolge: „Was wäre der Alltag ohne die Erfindung der Brille“, 2023.
Sabin, Stefana: Augenblicke. Eine Kulturgeschichte der Brille. Wallstein Verlag, 2019.
Ilardi, Vincent: Renaissance Vision from Spectacles to Telescopes. American Philosophical Society, 2007.
Lindberg, David C.: Theories of Vision from Al-Kindi to Kepler. University of Chicago Press, 1976.
