BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Zukunft zwischen Hight-Tech und Design.

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BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Zukunft zwischen Hight-Tech und Design.
Welchen langen Weg hat die Brille als Sehhilfe hinter sich? Vom Lesestein zum Designobjekt, das noch dazu Sehschwächen korrigieren kann begleitet uns die Brille seit Jahrhunderten. Heute ist auch die Brille am Tech-Sektor angekommen – und dennoch herrscht weltweit gesehen eine Unterversorgung an optischen Brillen, die Sehschwächen korrigieren können…
Designobjekte und mehr
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und im frühen 21. Jahrhundert wurde die Brille zunehmend Teil einer globalen Konsum- und Designkultur. Internationale Marken, modische Kollektionen und schnelle Stilwechsel prägen seither den Markt. Gleichzeitig entwickelte sich die Brille weiter als medizinisches High-Tech-Produkt: individuell berechnete Gläser, digitale Vermessung der Augen und spezialisierte Sehhilfen für Bildschirmarbeit oder sportliche Aktivitäten sind heute selbstverständlich. Trotz der Konkurrenz durch Kontaktlinsen und refraktive Chirurgie hat die Brille ihre Bedeutung nicht verloren, sondern sich neu positioniert – als Verbindung von Technik, Mode und persönlichem Ausdruck.
Brillen in Österreich und der Welt
In Österreich tragen nach aktuellen verfügbaren Daten aus der österreichischen Gesundheitsbefragung 2019, etwa 67,2 % der Personen ab 15 Jahren eine Sehhilfe wie Brille oder Kontaktlinsen – das entspricht mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung in dieser Altersgruppe. Weltweit gesehen gehen Schätzungen, die auf globalen Auswertungen der Sehhilfen-Industrie und verschiedener Gesundheitsstatistiken basieren davon aus, dass etwa 64 % der Erwachsenen weltweit eine Form der Sehhilfe verwendet, was Brillen einschließt. Gleichzeitig zeigen Gesundheitsdaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass über 2,2 Milliarden Menschen weltweit von korrigierbaren Sehschwäche betroffen sind. Die WHO-Daten machen auch deutlich, dass der Zugang zu Sehhilfen stark variiert: In einkommensschwachen Ländern bekommen oft zwei von drei Menschen, die eine Brille benötigen, keine oder nur unzureichende Sehhilfe, was die Zahl derjenigen, die tatsächlich eine Brille tragen, trotz des hohen Bedarfs reduziert.
Und die Zukunft?
High-Tech-Brillen (oft „Smart Glasses“, „AI-Brillen“ oder augmented reality / AR-Brillen genannt) sind Brillen mit eingebauten Sensoren, Kameras, Mikrofonen, Displays und KI-Funktionen, die digitale Informationen in Echtzeit verarbeiten und dem Nutzer geben. Sie gehen weit über klassische Sehkorrektur hinaus und dienen als tragbare, intelligente Schnittstelle zwischen Mensch und digitaler Welt. Anders als reine Virtual-Reality-Headsets zeigen viele dieser Brillen Informationen direkt im Sichtfeld an (Augmented Reality), erkennen die Umgebung, verstehen Sprache, analysieren Bilder und reagieren auf Gesten. Diese Geräte nutzen heute Maschinelles Lernen, Computer Vision, Sprach-KI und andere KI-Algorithmen, um ihre Funktionen zu steuern und dem Nutzer kontextbezogene Hilfe zu bieten.
Brille bleibt
Heute ist die Brille ein alltäglicher Gegenstand, dessen lange Geschichte oft unsichtbar bleibt. Doch gerade ihre Entwicklung vom mittelalterlichen Handwerksprodukt über das industrielle Massenobjekt bis hin zum individualisierten Design- und Medizingut zeigt, wie eng technischer Fortschritt, kulturelle Bedeutungszuschreibungen und gesellschaftliche Bedürfnisse miteinander verflochten sind. Die Brille ist damit nicht nur eine Sehhilfe, sondern ein Spiegel kultureller und sozialer Entwicklungen über mehr als sechs Jahrhunderte hinweg.
Quellen und weiterführende Literatur
Bayerischer Rundfunk (BR): Alles Geschichte – History von Radiowissen. Podcastfolge: „Was wäre der Alltag ohne die Erfindung der Brille“, 2023.
Sabin, Stefana: Augenblicke. Eine Kulturgeschichte der Brille. Wallstein Verlag, 2019.
Ilardi, Vincent: Renaissance Vision from Spectacles to Telescopes. American Philosophical Society, 2007.
Lindberg, David C.: Theories of Vision from Al-Kindi to Kepler. University of Chicago Press, 1976.
