BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Vom Kloster in die Experimentierkammer.

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BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Vom Kloster in die Experimentierkammer.
Im BSVÖ- Fokus widmen wir uns einem der wichtigsten und ältesten Hilfsmittel, das heute auf der ganzen Welt getragen wird: der Brille. Letzte Woche erzählten wir im ersten Teil der Fokusreihe von geschliffenen Steinen und großer Glasmacherkunst. Diese Woche wollen wir es genau wissen: wer steht hinter der Erfindung der Brille, wie wir sie heute kennen?
Wer hat’s erfunden?
Die Frage nach der Urheberschaft hinter der Brille lässt sich nicht eindeutig beantworten. Lange Zeit wurde der Florentiner Salvino d’Armati als Erfinder genannt, doch diese Zuschreibung gilt heute als historisch nicht haltbar. Wahrscheinlicher ist, dass die Brille das Ergebnis einer kollektiven handwerklichen Innovation war. Der Dominikanermönch Alessandro della Spina wird in zeitgenössischen Quellen als jemand erwähnt, der Brillen herstellte und verbreitete, nicht jedoch als ihr Erfinder. Eine der wichtigsten historischen Aussagen stammt von Giordano da Rivalto, der um 1305 in einer Predigt bemerkte, die Kunst der Brillenherstellung sei noch keine zwanzig Jahre alt. Diese Aussage gilt als einer der verlässlichsten Hinweise auf die Entstehungszeit der Brille um 1285 bis 1290.
Unter Gelehrten
Im Verlauf des 14. Jahrhunderts wurde die Brille von einer handwerklichen Neuerung zu einem festen Bestandteil der europäischen Alltags- und Wissenskultur. Während sie zunächst vor allem in Klöstern, Universitäten und unter Gelehrten Verwendung fand, breitete sie sich zunehmend auch in städtischen Milieus aus. Bilder aus dieser Zeit zeigen Brillenträger als gelehrte, erfahrene oder autoritative Figuren. Die Brille fungierte damit nicht nur als Sehhilfe, sondern auch als visuelles Zeichen von Bildung, Alter und Weisheit. Zugleich setzte sich die handwerkliche Spezialisierung fort: Brillenmacher entwickelten unterschiedliche Glasstärken und experimentierten mit Fassungsformen, wenngleich die Modelle weiterhin ohne Bügel auskamen und meist auf der Nase balancierten oder mit der Hand gehalten wurden.
Was der Buchdruck mit sich brachte…
Im 15. und 16. Jahrhundert veränderte sich die Bedeutung der Brille im Zuge tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche. Die Erfindung des Buchdrucks erhöhte die Zahl der Leserinnen und Leser drastisch und machte gutes Sehen zu einer Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Brillen wurden nun in größerer Zahl produziert und zunehmend auch von Kaufleuten, Beamten und wohlhabenden Handwerkern genutzt. Technisch blieb die Entwicklung zunächst langsam, doch die Vielfalt an Fassungsformen nahm zu. Neben Nietbrillen etablierten sich sogenannte Fadenbrillen, bei denen Schnüre oder Drähte um die Ohren gelegt wurden, sowie frühe Nasenklemmer. Die Brille begann sich von einem rein funktionalen Hilfsmittel zu einem individuell angepassten Gebrauchsgegenstand zu entwickeln.
Feinschliff für Kurz- und Weitsichtigkeit
Einen wichtigen Schritt markierte das 17. und frühe 18. Jahrhundert, als die Optik als Wissenschaft weiter verfeinert wurde. Die Arbeiten von Johannes Kepler zur Bildentstehung im Auge führten zu einem besseren Verständnis von Kurz- und Weitsichtigkeit. Diese Erkenntnisse ermöglichten erstmals eine systematischere Korrektur unterschiedlicher Sehfehler. In dieser Zeit entstanden auch spezialisierte Brillen für Kurzsichtige, die zuvor kaum berücksichtigt worden waren. Ein entscheidender Durchbruch gelang schließlich 1727 in England, als Edward Scarlett Brillen mit festen Bügeln entwickelte, die über die Ohren geführt wurden. Damit erhielt die Brille im Wesentlichen ihre bis heute gebräuchliche Grundform und konnte dauerhaft getragen werden, ohne gehalten oder balanciert werden zu müssen.
In 18. Jahrhundert warten neue Innovationen auf uns. Lesen Sie mehr dazu kommende Woche im BSVÖ-Fokus!
Quellen und weiterführende Literatur
Bayerischer Rundfunk (BR): Alles Geschichte – History von Radiowissen. Podcastfolge: „Was wäre der Alltag ohne die Erfindung der Brille“, 2023.
Sabin, Stefana: Augenblicke. Eine Kulturgeschichte der Brille. Wallstein Verlag, 2019.
Ilardi, Vincent: Renaissance Vision from Spectacles to Telescopes. American Philosophical Society, 2007.
Lindberg, David C.: Theories of Vision from Al-Kindi to Kepler. University of Chicago Press, 1976.
