BSVÖ im Fokus: Die Kulturgeschichte der Brille. Lesesteinen & Glasmacherkünste
Sie sind Notwendigkeit, Alltagshilfe, Fashionstatement oder alles auf einmal. Und sie sitzen mitten in unseren Gesichtern. Sie korrigieren, schützen und begleiten uns vom Morgen bis zum Abend. Und sie sind seit Jahrhunderten Teil unseres Alltags. Brillen! Da liegt es doch nahe, dass wir uns die Kuturgeschichte der Gläser im BSVÖ-Fokus genauer ansehen! Diese Woche: Trugen Neandertaler schon Brillen? Wohl kaum (zumindest gibt es hierzu keine Funde…). Und überhaupt: bevor Menschen mit den uns vertrauten Brillen auf der Nase ihren Alltag bestritten, sah man gut, wenn man steinreich war. Welche Rolle ein arabischer Gelehrter und geschliffene Kristalle in der Entwicklung der Lesegläser spielten, verraten wir in Teil 1 unserer BSVÖ-Fokusreihe!
In grauer Vorzeit…
Die Anfänge der Geschichte der Brille liegen weit zurück. Schon in der Antike erkannten Menschen, dass transparenter Materialien mitunter eine vergrößernde Wirkung mit sich bringen. Der römische Philosoph Seneca der Jüngere beschrieb im 1. Jahrhundert n. Chr., dass Buchstaben größer und deutlicher erscheinen, wenn man sie durch eine mit Wasser gefüllte Glaskugel betrachtet. Auch archäologische Funde wie die sogenannte Nimrud-Linse aus dem neuassyrischen Reich des 8. Jahrhunderts v. Chr. belegen, dass geschliffene Kristalle existierten, deren optische Eigenschaften zumindest wahrgenommen wurden. Ob solche Objekte tatsächlich gezielt als Sehhilfen dienten oder eher rituelle, dekorative oder technische Funktionen hatten, ist bis heute umstritten. Entscheidend ist jedoch, dass die Idee der Vergrößerung durch Lichtbrechung bereits Teil antiker Erfahrungswelt war.
Alhazen und das Buch der Optik
Parallel zu diesen praktischen Beobachtungen entwickelte sich eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Sehen. Einen zentralen Wendepunkt markiert das Werk des arabischen Gelehrten Ibn al-Haytham, im Westen als „Alhazen“ bekannt. In seinem um das Jahr 1000 entstandenen „Buch der Optik“ untersuchte er systematisch die Ausbreitung des Lichts, die Brechung an gekrümmten Oberflächen und die Funktionsweise des menschlichen Auges. Alhazen widersprach der antiken Vorstellung, das Auge sende Sehstrahlen aus, und begründete stattdessen ein Verständnis des Sehens als Ergebnis einfallenden Lichts. Als seine Schriften im 12. und 13. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt wurden, bildeten sie eine entscheidende Grundlage für die europäische Optik des Hochmittelalters. Damit war das theoretische Fundament gelegt, auf dem später praktische Sehhilfen entwickelt werden konnten.
Steinschleiferei und Linsenspektakel
Noch vor der Brille, wie sie uns heute vertraut ist, entstanden aber sogenannte Lesesteine, die als direkte Vorläufer gelten können. Dabei handelte es sich um halbkugelförmige oder flach konvexe Linsen aus Bergkristall oder Glas, die direkt auf Manuskripte gelegt wurden. Sie vergrößerten einzelne Textstellen und erleichterten so das Lesen, insbesondere für ältere Menschen mit Altersweitsichtigkeit. Solche Lesesteine kamen spätestens ab dem 11. Jahrhundert in Klöstern und Skriptorien zum Einsatz, wo Lesen, Abschreiben und Kommentieren von Texten zum Alltag gehörte. Archäologische Funde wie die sogenannten Visby-Linsen aus Skandinavien zeigen zudem, dass geschliffene Linsen auch außerhalb der mediterranen Zentren bekannt waren. Lesesteine waren jedoch ortsgebunden, unhandlich und erlaubten nur punktuelles Lesen – ein entscheidender Nachteil, der den Wunsch nach tragbaren Lösungen begünstigte.
Die Geburt der Brille, wie wir sie kennen
Die eigentliche Brille entstand schließlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Norditalien, vermutlich im Raum Pisa, Florenz oder Venedig. In diesem Umfeld trafen mehrere Faktoren zusammen: hochentwickelte Glasmacherkunst, ein wachsender Bedarf an Lesefähigkeit in Verwaltung, Kirche und Handel sowie das verfügbare optische Wissen aus der arabisch-lateinischen Tradition. Die ersten Brillen bestanden aus zwei konvex geschliffenen Gläsern, die in einer einfachen Fassung miteinander verbunden waren. Sie wurden ohne Bügel auf die Nase gesetzt oder mit der Hand gehalten. Diese frühen Modelle dienten vor allem der Korrektur der Alterssichtigkeit und stellten eine erhebliche Erleichterung für Gelehrte, Geistliche und Schreiber dar.
Wie sich die Kulturgeschichte der Brille weiterentwickelt, erzählen wir in Teil 2!
Quellen und weiterführende Literatur
Bayerischer Rundfunk (BR): Alles Geschichte – History von Radiowissen. Podcastfolge: „Was wäre der Alltag ohne die Erfindung der Brille“, 2023.
Sabin, Stefana: Augenblicke. Eine Kulturgeschichte der Brille. Wallstein Verlag, 2019.
Ilardi, Vincent: Renaissance Vision from Spectacles to Telescopes. American Philosophical Society, 2007.
Lindberg, David C.: Theories of Vision from Al-Kindi to Kepler. University of Chicago Press, 1976.

