Formular für Anfragen

Newsletter Anmeldung

BSVÖ: Präsident Markus Wolf über den Wert der Inklusion

  • Markus Wolf © BSVÖ

Wir stehen am Beginn des neuen Jahres und Einsparungen prägen die Gegenwart – doch wer zahlt den Preis? Dr. Markus Wolf zeigt auf, weshalb Kürzungen bei Barrierefreiheit und Inklusion besonders vulnerable Gruppen treffen und gesellschaftlichen Fortschritt gefährden. Denn auch in Zeiten der weltenweiten Umrbüche ist Inklusion ist kein Luxus, sondern ein zentraler Wert: Sie schützt Menschenwürde, ermöglicht Teilhabe, fördert Innovation und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Wer Barrieren abbaut, investiert nicht in Mehrkosten, sondern in eine zukunftsfähige, solidarische Gesellschaft, von der alle profitieren.

„Wir müssen den Gürtel enger schnallen!“ In den letzten Jahren waren die Anlässe, Einsparungen und Reduzierungen zu rechtfertigen, reich gesät. Zuerst legte Corona folgenschwer die Normalität lahm, dann folgte mit dem Angriff auf die Ukraine der Energieversorgungsschock und eine tiefgreifende Erschütterung der Stabilität in Europa. Inflation und schwacher Außenhandel, ein Verlust an Preis- und Kostenwettbewerbsfähigkeit in Österreich und schwächelnde Kaufkraft im privaten Konsum belasten die österreichische Wirtschaft weiter. Höhere Lebenserhaltungskosten, besonders im Bereich des Wohnens und der Energieversorgung, aber auch bei Lebensmitteln, bei Gebühren für amtliche Dokumente oder Versicherungsbeiträgen betreffen alle Bevölkerungsgruppen.

Vor allem aber vulnerable Gruppen wie Alleinerziehende, Pensionist:innen, Menschen mit geringem Beschäftigungsgrad und Menschen mit Behinderungen sind besonders von den Preissteigerungen und laufenden Kürzungen betroffen. Es trifft somit Menschen innerhalb der Gesellschaft, die eigentlich des erhöhten Schutzes bedürfen. Und eine Verbesserung der Lage ist so schnell nicht absehbar.

Spar- und Konsolidierungspläne zeigen motivierte Einsparungen, die in ihrer Umsetzung notgedrungen auch zu neuen Engpässen und einer Stagnation des Fortschrittes führen. Allein für 2025 wurden von der Bundesregierung Kürzungen in der Höhe von über 6 Milliarden Euro geplant, für 2026 liegt die Zahl noch höher. Damit soll zwar der Schuldenstand von über 80 Prozent des BIPs nicht weiter steigen und sich auf längere Sicht die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Für die Bevölkerung heißt das aber, dass an unterschiedlichen Stellschrauben massiv gedreht wird. Eine dieser Stellschrauben ist die Barrierefreiheit.

Beispiele für massive Rückschritte bei inklusiven Maßnahmen, die dem Sparplan zum Opfer fielen, gibt es zur Genüge. In Salzburg etwa wurden, damit Baukosten gesenkt werden können, die Anforderungen an Barrierefreiheit in den neuen Wohnbauförderungen reduziert und strengere Vorschriften abgeschwächt. Förderstopps für Einrichtungen, die sich für Maßnahmen der Inklusion und Barrierefreiheit einsetzen und dadurch nicht weiter tragfähig werden, belasten den Fortschritt einer gleichberechtigten und fairen Gesellschaft.

Muss gespart werden, ist die Barrierefreiheit ein Faktor, der schnell auf seinen Nutzen hin abgeklopft und in Frage gestellt wird. Braucht es das taktile Leitsystem wirklich, auch wenn hier kaum blinde Menschen vorbeikommen? Muss die Webseite so gestaltet sein, dass sie auch wirklich von allen Menschen selbstbestimmt bedient werden kann, oder reicht vorerst eine billige Overlay-Version? Sollen Projekte für erweiterte Barrierefreiheit jetzt umgesetzt werden, wo das Budget ohnehin an allen Ecken und Enden zu knapp ist, oder schiebt man es doch lieber für später auf? Geht man freiwillig über die absoluten

Mindestanforderungen hinaus, um Barrierefreiheit als „Zuckerl“ mit zu installieren, oder verlässt man sich darauf, dass betroffene Personen schon mit ihren individuellen Strategien durchkommen werden?

Wo ein Bewusstsein dafür fehlt, dass inklusive Strukturen einen greifbaren und wichtigen Mehrwert für die Gesellschaft bieten, wird Barrierefreiheit als Luxus- oder entbehrliche Zusatzleistung abgestempelt, auf die schnell verzichtet werden kann. Für betroffene Menschen bedeutet das: Exklusion und Diskriminierung. Den Weg, rechtlich gegen Barrieren und Diskriminierung vorzugehen, nehmen viele Betroffene nicht auch noch auf sich.

Was bringt eine inklusive Gesellschaft? In Zeiten der großen Krisen und des Gürtelanschnallens, der täglichen Unsicherheiten und der Destabilisierung vertrauter Strukturen kommt die Frage immer wieder auf den Tisch. Lassen Sie mich die Frage umkehren: Was bedeutet es, wenn Inklusion kein selbstverständlicher Teil einer Gesellschaft ist?

Inklusion drückt sich darin aus, dass die Menschenwürde aller gewahrt und allen mit Respekt begegnet wird. Eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe an politischen, an kulturellen und sozialen Prozessen soll somit allen ebenso möglich sein, wie die Erlangung von Bildung und das Bestehen am Arbeitsmarkt. Inklusion ermöglicht Innovation und ein Miteinander vielfältiger Perspektiven, fördert Solidarität und Bewusstsein dafür, dass jeder Mensch ein wertvoller Bestandteil der Gesellschaft ist. Menschen mit Behinderungen sollen chancengleicher und selbstbestimmter Teil des Ganzen sein können, ohne andauernd auf Rechte und Forderungen pochen zu müssen oder womöglich vor Gericht ziehen zu müssen.
Der Blinden- und Sehbehindertenverband setzt sich seit bald 80 Jahren dafür ein, dass blinde und sehbehinderte Menschen ein gleichberechtigtes Leben führen und sich somit auch als wertiger Teil in die Gesellschaft einbringen können. Es ist ein Falschdenken, anzunehmen, dass das inklusive Miteinander Mehrkosten erzeugen würde. Richtig ist, dass in einer auf Gemeinschaft und respektvoller Solidarität fußenden Gesellschaft, die Barrieren abbaut und Barrierefreiheit fördert, ein großer Mehrwert für alle erzeugt wird.

Nur auf diese Weise können Menschen mit Behinderungen und Förderbedarf Potentiale entfalten und selbstbestimmt, sicher und unabhängig am gesellschaftlichen Miteinander teilhaben, können sich mit Arbeits- und Kaufkraft, mit Expertise und kreativem Potential einbringen und zu einer Gesellschaft beitragen, die ihre Zukunftsfähigkeit in der Stärke ihrer Diversität erkennt.

 

Die Worte des Präsidenten wurden im Verbandsmagazin Der Durchblick publiziert. 

Sie können das Magazin hier digital lesen und auch anhören! Link zur aktuellen Ausgabe:https://www.blindenverband.at/de/information/durchblick/archiv/2761/Der-Durchblick

 

Downloads

zurück