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BSVÖ im Fokus: Die Braille-Evolution. Digitale Punkte am Weg in die Zukunft.

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Im BSVÖ-Fokus sind wir der Braille-Evolution auf der Spur. Im letzten Teil der Reihe erzählen wir, wie es zur elektronische Braillezeile kam und kommen im digitalen Zeitalter an! Vom experimentellen Prototypen der 1950er über die ersten kommerziellen Geräte der 1970er und 1980er zu den modernen, PC- und Smartphone-fähigen Refreshable Displays – diese Entwicklung kann sich sehen lassen.

Die Entwicklung der elektronischen Braillezeile – Ein Überblick

Mit dem Aufkommen von Computern und digitalen Informationssystemen im 20. Jahrhundert wurde klar, dass blinde Menschen neue Wege brauchten, um digitale Texte taktil lesen zu können. Gedruckte Braille-Bücher allein reichten nicht mehr aus – es fehlte ein Weg, Information direkt aus elektronischen Quellen tastbar zu machen. Die Lösung war die elektronische Braillezeile, ein Gerät, das digitale Texte in dynamisch veränderbare Braille-Zellen umwandelt, die mit den Fingern gelesen werden können.

Die Idee, Braille-Punkte elektronisch darstellbar zu machen, reicht zurück in die 1950er- und 1960er-Jahre: Erste Versuche zur Umsetzung taktiler Zeichen aus elektronischen Quellen wurden dokumentiert, etwa bei Forschungen von IBM-Ingenieuren um James Bryce in den frühen 1950ern. Diese frühen Prototypen arbeiteten mit Perforierband-Speicherung und beweglichen Bändern, die unter den Fingern vorbeigeführt wurden und so tastbare Zeichen erzeugten, bevor es echte elektronische Displays gab. American Printing House for the Blind

Ein wichtiger Meilenstein war 1975, als die deutsche Firma Papenmeier Rehatechnik gemeinsam mit Prof. Werner Boldt von der Universität Dortmund das BRAILLEX-System entwickelte – das erste Gerät mit einer elektronischen Braillezeile. Dieses Gerät konnte Informationen speichern, über eine Tastatur eingeben und unter einer Reihe von beweglichen, elektrisch gesteuerten Pins wiedergeben. Damit waren erstmals Texte paperless und dynamisch erfassbar.

Parallel entwickelten andere Gruppen in der 1970er-Jahren elektromechanische Braillezeilen, die Solenoid-Aktuatoren (kleine Magnetspulen) nutzten, um Pins hoch- und herunterzubewegen und damit Braille-Zellen elektromechanisch darzustellen.

1982 brachte das US-Unternehmen Telesensory Systems mit dem VersaBraille eine der ersten in den USA angebotenen refreshable Braillezeilen auf den Markt. Dieses Gerät konnte über Kassette gespeicherte Daten anzeigen und wurde sowohl als Notetaker als auch als Terminal für Computer genutzt.

In der Folgezeit setzte sich insbesondere die piezoelektrische Technologie durch: Dabei werden winzige Keramikelemente verwendet, die sich bei elektrischer Spannung verformen und so die einzelnen Braillepunkte anheben oder absenken. Diese piezoelektrischen Braille-Zellen sind bis heute die dominierende Technik für refreshable Displays.

Ab den 1980er und 1990er Jahren wurde die Braillezeile zunehmend als Peripheriegerät für PCs und später für mobile Geräte genutzt. Geräte wie Braille-Notetaker oder Braille-Displays mit integrierter Tastatur ermöglichten nicht nur das passive Lesen, sondern auch Schreiben, Editieren und interaktive Nutzung digitaler Inhalte über USB oder Bluetooth-Verbindungen.

In den 2000ern und 2010ern wurden Refreshable Braille Displays weiter miniaturisiert und leistungsfähiger (z. B. mit Bluetooth-Konnektivität), und einige Modelle integrierten Sprachausgabe, Tastaturen und andere Funktionen, was die Nutzung im Alltag deutlich verbesserte.

Blinde und sehbehinderte Nutzer:innen können heute E-Mails, Webseiten, Dokumente, Chats, soziale Medien und E-Books direkt und digital lesen – nicht nur gedruckte Braille-Bücher. Braillezeilen schaffen eine taktile Verbindung zu digitalen Informationen, was Teilhabe an Alltags- und Arbeitswelt ermöglicht – sofern die Webseiten auch entsprechend barrierefrei verfügbar sind. In Verbindung mit Screenreadern, Braille-Notetakern und Smartphones bilden Braillezeilen einen wichtigen Bestandteil assistiver Systeme. Sie ermöglichen nicht nur Lesen, sondern auch Schreib- und Interaktionsfunktionen, was berufliche und pädagogische Teilhabe verbessert.

Quellen:

https://www.papenmeier-rehatechnik.de/historie

https://www.accessibility.com/glossary/refreshable-braille-displays

https://www.aph.org/blog/blindness-history-basics-a-brief-history-of-the-refreshable-braille-display

 

https://know-the-ada.com/refreshable-braille-displays-bridging-the-digital-divide

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