BSVÖ im Fokus: Die Braille-Evolution. Die Braillemaschinen.

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Jänner Fokus: Die Braille-Evolution. Die Braillemaschinen. Portrait von Louis Braille mit einer modernen schwarzen Sonnenbrille auf der Nase.
Nachdem Louis Braille die Punktschrift weiterentwickelte, wurden bald technische Fortschritte gemacht. Im BSVÖ-Fokus stellen wir Ihnen heute zwei Braille Koryphäen vor, deren Namen Sie vielleicht noch gar nicht kannten: Hall und Perkins und ihr Weg der Braille-Evolution!
Halls Mechanisierung von Braille im 19. Jahrhundert
Der Hall-Braillewriter war eine der frühesten mechanischen Schreibmaschinen für die Brailleschrift und stellte einen entscheidenden technischen Schritt in der Geschichte der Barrierefreiheit für blinde Menschen dar.
Der Erfinder des Hall-Braillewriters war der US-Amerikaner Frank Haven Hall (1841–1911). Hall war selbst nicht blind, arbeitete jedoch als Lehrer und später als Leiter der Illinois School for the Blind in Jacksonville. In seiner täglichen Arbeit erkannte er, dass das damals verbreitete Schreiben mit Tafel und Griffel zwar zuverlässig, aber sehr langsam und fehleranfällig war. Besonders im schulischen Kontext erschwerte diese Methode das flüssige Schreiben, Korrigieren und den Unterricht erheblich.
Um dieses Problem zu lösen, entwickelte Frank H. Hall in den späten 1880er-Jahren eine mechanische Schreibmaschine speziell für Braille. Das Ergebnis war der sogenannte Hall-Braillewriter, der 1892 erstmals öffentlich vorgestellt wurde. Die Maschine arbeitete vollständig mechanisch und verfügte über mehrere Tasten, die jeweils einem Punkt der Braillezelle zugeordnet waren. Durch gleichzeitiges Drücken mehrerer Tasten konnten ganze Braillezeichen in einem einzigen Arbeitsgang geprägt werden.
Technisch bestand der Hall-Braillewriter aus einem robusten Metallgehäuse, einer Walze zur Papierführung und einem Präge-Mechanismus, der die Punkte von oben in das Papier drückte. Anders als beim Schreiben mit Griffel musste das Papier nicht mehr von der Rückseite beschrieben und anschließend umgedreht werden. Die Braillepunkte waren sofort korrekt ertastbar, was das Schreiben erheblich beschleunigte, und Fehler reduzierte.
Die Erfindung des Hall-Braillewriters hatte weitreichende Auswirkungen auf die Barrierefreiheit. Zum ersten Mal konnten blinde Menschen nahezu so schnell schreiben wie sehende Personen mit einer herkömmlichen Schreibmaschine. Dies veränderte insbesondere den Bildungsbereich: Schüler konnten längere Texte verfassen, Notizen machen und ihre Gedanken strukturierter festhalten. Lehrkräfte wiederum konnten den Unterricht besser an schriftliche Leistungen anpassen.
Darüber hinaus stärkte der Hall-Braillewriter die Selbstständigkeit blinder Menschen. Schreiben wurde von einer mühsamen, zeitintensiven Tätigkeit zu einem praktikablen Alltagswerkzeug. Dies trug langfristig dazu bei, dass blinde Menschen besseren Zugang zu Bildung, Verwaltungstätigkeiten und später auch zu beruflichen Tätigkeiten erhielten.
Obwohl der Hall-Braillewriter im 20. Jahrhundert von weiterentwickelten Modellen – insbesondere dem Perkins Brailler (ab 1951) – abgelöst wurde, gilt er als direkter Vorläufer moderner Braille-Schreibmaschinen. Sein Grundprinzip, mehrere Punkte gleichzeitig mechanisch zu prägen, ist bis heute erhalten geblieben.
Der Hall-Braillewriter markiert damit einen Wendepunkt: Er überführte die Brailleschrift aus einer rein handwerklichen Technik in eine mechanisierte, effiziente Schreibpraxis und legte einen wichtigen Grundstein für die spätere technische und digitale Barrierefreiheit.
Perkins und die Braillemaschine des 20. Jahrhunderts
Der Perkins Brailler gilt als die wichtigste mechanische Braille-Schreibmaschine des 20. Jahrhunderts und als Meilenstein in der Geschichte der Barrierefreiheit für blinde Menschen. Entwickelt wurde er an der Perkins School for the Blind in Watertown (Massachusetts, USA) und kam 1951 erstmals in die Serienproduktion. Ziel der Entwicklung war es, blinden Menschen ein robustes, schnelles und zuverlässiges Schreibgerät zur Verfügung zu stellen, das den Alltag in Schule, Ausbildung und Beruf nachhaltig erleichtert.
Erfunden wurde der Perkins Brailler von David Abraham (1896–1978), einem Werk- und Holzlehrer an der Perkins School. Abraham arbeitete täglich mit blinden Schülerinnen und Schülern und erkannte die praktischen Grenzen der bis dahin verfügbaren Schreibmethoden. Das Schreiben mit Schiefertafel und Griffel (Slate and Stylus) war zwar günstig und mobil, aber langsam, fehleranfällig und für längere Texte ungeeignet. Frühere Braille-Schreibmaschinen – etwa der Hall-Braillewriter – existierten zwar bereits, galten jedoch als schwer, teuer und technisch anfällig. Aus dieser pädagogischen Notwendigkeit heraus begann Abraham bereits in den 1930er-Jahren, eigene Prototypen für eine neue Braille-Schreibmaschine zu bauen.
Die Entwicklung zog sich über viele Jahre hin. Abraham arbeitete zunächst allein und oft außerhalb seiner regulären Arbeitszeit an dem Projekt. Unterstützt wurde er später von der Schulleitung der Perkins School, insbesondere von Direktor Gabriel Farrell, der das Potenzial einer einfachen, langlebigen Braille-Schreibmaschine erkannte. Ein funktionsfähiger Prototyp existierte bereits um 1941, doch der Zweite Weltkrieg verzögerte Materialbeschaffung und Serienfertigung. Erst nach Kriegsende konnte die Maschine weiterentwickelt und schließlich 1951 offiziell vorgestellt werden.
Technisch basiert der Perkins Brailler auf einem klaren, bis heute gültigen Prinzip: Er besitzt sechs Haupttasten, von denen jede einem Punkt der klassischen sechs-Punkte-Braillezelle entspricht. Durch gleichzeitiges Drücken mehrerer Tasten wird ein vollständiges Braillezeichen in einem einzigen Arbeitsgang geprägt. Hinzu kommen Tasten für Leerzeichen, Rückschritt und Zeilenvorschub sowie seitliche Rollen zur Papierführung. Ein interner Prägekopf sorgt dafür, dass die Punkte gleichmäßig und gut tastbar entstehen – unabhängig davon, wie stark die Tasten gedrückt werden. Die stabile Konstruktion aus Metall (später ergänzt durch Kunststoffelemente) machte den Perkins Brailler besonders langlebig und wartungsarm.
Die Auswirkungen des Perkins Braillers auf die Barrierefreiheit waren tiefgreifend. Er veränderte das Schreiben von Braille grundlegend: Erstmals konnten blinde Menschen schnell, effizient und selbstständig längere Texte verfassen – vergleichbar mit dem Schreiben auf einer herkömmlichen Schreibmaschine. Dies hatte vor allem im Bildungsbereich große Bedeutung. Schülerinnen und Schüler konnten nun Aufsätze schreiben, Notizen machen und schriftliche Aufgaben im Unterricht bewältigen, ohne auf sehende Hilfe angewiesen zu sein. Lehrkräfte wiederum konnten Braille-Schrift systematischer in den Unterricht integrieren.
Auch außerhalb der Schule förderte der Perkins Brailler die gesellschaftliche Teilhabe. Blinde Menschen konnten Briefe schreiben, Texte organisieren, Formulare vorbereiten und sich schriftlich ausdrücken. Schreiben wurde von einer mühsamen Spezialtechnik zu einem selbstverständlichen Alltagswerkzeug. Damit trug der Perkins Brailler wesentlich zur Alphabetisierung, zur beruflichen Qualifikation und zur Unabhängigkeit blinder Menschen bei.
In den Jahrzehnten nach seiner Einführung verbreitete sich der Perkins Brailler weltweit. Hunderttausende Geräte wurden in Schulen, Bibliotheken und Privathaushalten in über hundert Ländern eingesetzt. Trotz des Aufkommens digitaler Technologien, elektronischer Braillezeilen und Notetaker ist der Perkins Brailler bis heute im Einsatz – insbesondere in der frühkindlichen Bildung und überall dort, wo eine robuste, stromunabhängige Lösung benötigt wird. Sein Grundprinzip prägt bis heute moderne Braille-Schreibgeräte.
Der Perkins Brailler steht damit exemplarisch für gelungene assistive Technologie: Er ist aus der Praxis heraus entstanden, orientiert sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer und hat über Generationen hinweg den Zugang zu Bildung und schriftlicher Kommunikation für blinde Menschen entscheidend verbessert.
Quellen:
Encyclopaedia Britannica: Artikel zu Frank H. Hall und Braille writing machines
Perkins School for the Blind: History of Braille Writers.
American Printing House for the Blind (APH): Early Braille Writing Technology
Perkins School for the Blind: Howe Press and the Perkins Brailler
https://www.perkins.org/howe-press-the-perkins-brailler/
American Printing House for the Blind (APH) – Museum Collection
Objektbeschreibung „Perkins Brailler“: https://aphmuseum.org/record/perkins-brailler/
