BSVÖ im Fokus: Die Braille-Evolution. Die Jahrhunderterfindung und ihr Meister.

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Jänner Fokus: Die Braille-Evolution. Die Jahrhunderterfindung und ihr Meister. Portrait von Louis Braille mit einer modernen schwarzen Sonnenbrille auf der Nase.
Im BSVÖ-Fokus Jänner gehen wir der Braille-Evolution auf die Spur. Welche Entwicklungen gab es von den Anfängen bis hin zur Digitalisierung? Diese Woche treffen wir den Meister der Schrift persönlich!
Louis Braille wurde am 4. Januar 1809 im kleinen französischen Dorf Coupvray nahe Paris als jüngstes von vier Kindern einer gutbürgerlichen Familie geboren, die auch ein kleines Weingut betrieb. Sein Vater Simon-René war Sattler – zu einer Zeit, als Pferde als Arbeitstiere stark im Einsatz waren ein Beruf mit guter Auftragslage. Der junge Louis verbrachte viel Zeit in der Werkstatt seines Vaters, im Alter von etwa drei Jahren wurde er allerdings Opfer seiner Begeisterung für die Werkzeuge. In einer unbeobachteten Minute soll sich der kleine Louis in die Werkstatt geschlichen und mit einem Stechdorn versucht haben, ein Loch in das zähe Leder zu machen. Dabei rutschte der Stichel rutschte ab und verletzte sein Auge schwer. Die Wunde infizierte sich, und die Infektion griff auf das andere Auge über, so dass Braille bis etwa zum Alter von fünf Jahren vollständig erblindete – in einer Zeit, in der es keine effektiven Antibiotika oder modernen medizinischen Eingriffe gab.
Brailles Eltern, überzeugt davon, dass ihr Sohn trotz seiner Behinderung ein erfülltes Leben führen sollte, ergänzten seine frühe Schulbildung zu Hause. Sein Vater nutzte Nägel auf Holztafeln in der Buchstabenform, um ihm das Alphabet fühlbar beizubringen, und ein örtlicher Priester unterstützte die ersten Schritte seiner Ausbildung. Sein außergewöhnliches Gedächtnis und seine Intelligenz fielen bald Lehrern und Familienmitgliedern auf, sodass er mit etwa zehn Jahren ein Stipendium für das weltweit erste Blindeninstitut in Paris erhielt – die Institution des Jeunes Aveugles. Dort wurde er nicht nur im Lesen und Schreiben unterrichtet, sondern auch in Wissenschaft, Musik und anderen Fächern. Am Royal Institute lernten die Schüler zunächst eine herkömmliche Relief-Druckschrift, bei der große erhabene Buchstaben auf Papier geprägt wurden. Diese waren zwar fühlbar, aber sehr langsam zu lesen, da die Buchstaben zu groß und schwer zu unterscheiden waren. Braille, ein wissbegieriger und neugieriger Schüler, erkannte schnell die Grenzen dieses Systems.
Ein entscheidender Wendepunkt in Brailles Leben kam 1821, als der ehemalige französische Offizier Charles Barbier die Schule besuchte. Barbier hatte eine eigene Punktschrift erdacht und nannte „Nachtschrift“. Sie war ursprünglich für militärische Zwecke gedacht – Soldaten sollten Nachrichten im Dunkeln ertasten können, ohne Licht zu benötigen. Barbier stellte seinen Code mit erhabenen Punkten in einem zwölf Feld-Raster vor, die mit den Fingern gelesen werden konnten.
Der damals etwa zwölfjährige Louis Braille war von Barbiers Idee sofort fasziniert, weil sie das Potenzial hatte, Blinden das flüssige Lesen und Schreiben zu ermöglichen. Er erkannte jedoch auch die Schwächen des Systems: Es war zu groß und kompliziert (zu viele Punkte, phonemisch statt buchstabengesteuert), und es eignete sich nicht gut für komplexere schriftliche Aufgaben.
Von 1821 bis etwa 1824 begann Braille intensiv mit Barbiers Konzept zu experimentieren. Er reduzierte das Zeichenraster von zwölf auf sechs Punkte in zwei vertikalen Dreiergruppen, die als einzelne Einheit mit einer Fingerkuppe ertastet werden konnten. Zusätzlich stellte er sein System so um, dass jedes Zeichen einen Buchstaben oder ein grafisches Symbol repräsentierte, nicht nur einen Laut. Diese Vereinfachung machte die Schrift schneller lesbar, leichter erlernbar und vielseitiger – geeignet für Alphabet, Zahlen, Satzzeichen und später auch Musiknotation.
Mit etwa 15 Jahren präsentierte Braille sein neues Schriftsystem erstmals offiziell am Institut, nachdem er jahrelang daran gearbeitet hatte. Er nutzte einfache Werkzeuge wie Tafel und Stylus, um die Punkte in Papier zu drücken, sodass am anderen Ende erhabene Punkte entstanden, die taktil gelesen werden konnten – eine Methode, die er weiter verfeinerte und die später zur Grundlage der klassischen Brailleschrift wurde.
Brailles Begegnung mit Barbier war also nicht nur eine Inspiration, sondern der Ausgangspunkt einer tiefgreifenden Neuentwicklung eines taktilen Schriftsystems, das letztlich den Weg zu einer effizienten und international nutzbaren Blindenschrift ebnete. Obwohl Braille zu Lebzeiten nicht den weltweiten Durchbruch seiner Schrift erlebte, gilt sein System heute als grundlegende Errungenschaft für die Bildung und Selbstbestimmung blinder Menschen weltweit.
Quellen:
https://www.nationalgeographic.com/history/article/louis-braille-writing-system-creator
Bassier, Emma: Louis Braille. Minneapolis, Minnesota : DiscoverRoo, an imprint of Pop!, 2020.
Weygand, Zina: The blind in French society from the Middle Ages to the century of Louis Braille ; (OV:) Vivre sans voir. Stanford, Calif. : Stanford University Press ; 2009
