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BSVÖ im Fokus: Die Braille-Evolution. Filz, Stichel und Geheimnisse.

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Am 4. Jänner feiern wir Louis Brailles Geburtstag und somit ist der Jänner auch unser Braille-Fokus Monat! 2025 gab es 200 Jahre Braille-Schrift hochleben zu lassen. Wie aber ist die Schrift eigentlich entstanden und wie wurde und wird sie handwerklich hergestellt? Im BSVÖ-Fokus „Die Braille-Evolution“ erzählen wird die ganze Geschichte…

Die Idee, fühlbar erhabene, also taktile Zeichen für blinde und sehbehinderte Menschen herzustellen, reicht ins späte 18. Jahrhundert zurück: Der Pariser Valentin Haüy (1745-1822), der Begründer der ersten Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für blinde Menschen (französisch: Institution Royale des Jeunes Aveugles), heute das Institut National des Jeunes Aveugles) gilt als einer der großen Pioniere und Vordenker in Sachen Bildung für blinde und stark sehbehinderte Menschen. Gemeinsam mit der blinden Wiener Musikpädagogin und Komponistin Maria Theresia Paradis war er in seiner Funktion als Sprachwissenschaftler und Lehrer auch einer der ersten, der Blindenschrift durch das Prägen normaler Buchstaben auf Papier populär machte — Reliefbuchstaben, die mit den Fingern gelesen werden konnten. Die frühesten taktilen Drucke wurden mit traditionellen Druckpressen und ohne Farbe erzeugt: erhabene Buchstaben entstanden durch Prägen mit Drucklettern.

Etwas später entwickelte aus militärischen und praktischen Erwägungen heraus Charles Barbier de la Serre (1767 – 1841) war ein französischer Offizier und Kodierungspionier, der um 1815 ein taktiles Schriftsystem entwickelte, das als einer der direkten Vorläufer der Brailleschrift gilt. Dieses System nannte er écriture nocturne (deutsch: „Nachtschrift“). Barbier wollte ein Schriftsystem schaffen, das man ohne Licht lesen konnte – einen Code, der sowohl blind als auch in völliger Dunkelheit ertastet werden konnte. In der späteren populären Darstellung wird oft gesagt, seine Idee sei für Soldaten gedacht gewesen, um Befehle bei Nacht zu lesen, ohne Feuer oder Laternen anzuzünden. Barbiers System bestand aus Punkten, die in Papier eingeprägt wurden und als fühlbare Erhebungen gelesen werden konnten. Er verwendete zwei senkrechte Reihen mit jeweils bis zu sechs Punkten – also insgesamt bis zu zwölf Punkte pro Zeichen. Jedem Muster war ein Laut oder eine Kombination aus Lauten der französischen Sprache zugeordnet. Daher nutzte sein System oft phonemische Laute statt einzelner Buchstaben. Die Punkte wurden mit einem Stift bzw. Stichel in eine Schablone gedrückt und erzeugten auf der anderen Seite erhabene Noppen, die sich ertasten ließen. Die Systematik beruhte auf einem 6 × 6-Raster, das 36 Zeichen ermöglichte – viele davon stellten Silben oder phonologische Einheiten dar, nicht einzelne Buchstaben. Barbiers Nachtschrift wurde auf Papier oder einem vergleichbaren relativ stabilen, aber noch nachgiebigen Material hergestellt. Durch das Eindrücken von Punkten musste das Material sowohl eine Vertiefung annehmen als auch auf der Rückseite eine fühlbare Erhebung bilden. Mit dem Réglette, einer linealähnliche Holz- oder Metallleiste mit Längsrillen, die als Schablone / Führung diente, konnten die Punkte in einer sauberen Spalten- und Zeilenstruktur erzeugt werden konnten. Die Coulisse war ein Führungselement, mit dem die Schreibenden sicherstellte, dass Punkte gerade und gleichmäßig gesetzt wurden. Der Stylus (Punkt-Stichel)
war ein zentrales Werkzeug, meist mit einem abgerundeten, aber punktartigem Ende, das durch die Führungsschlitze gedrückt wurde, um die Punkte ins Papier zu prägen. Als Unterlage diente Filz oder ein Kissen, damit beim Drücken des Stylus das Papier nicht riss, sondern die Punkte sauber erhaben wurde.

Barbier stellte sein System u. a. in Pariser Blindenschulen vor und so kam auch der junge Louis Braille mit der Punktschrift in Berührung. Was daraus entstand, lesen Sie im Fokus-Thema: Die Braille-Evolution nächste Woche!

 

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