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Den Fokus auf Verbindendes richten - Interview mit Wolfgang Angermann

"Der Durchblick"-Auskoppelung im Fokus

  • interview angermann © bsvö

Die Europäische Blindenunion (EBU) vertritt seit ihrer Gründung 1984 die Rechte und Forderungen blinder und sehbehinderter Menschen in Europa - und somit von rund 30 Millionen Menschen. Seit 2024 hat sie eine Präsidentin. Mit Wolfgang Angermann, dem letzten Präsidenten der EBU, redeten wir Ende 2023 über Krisen, Neuerungen und das Vertrauen in den gemeinsamen Weg.

Pandemie, Inflation, Krieg in Europa – es sind krisenreiche Zeiten.
Inwiefern spielen all diese Krisen in Problemfelder, mit denen blinde und sehbehinderte Menschen in Europa schon seit Jahrzehnten konfrontiert sind? Und welche Auswege sehen Sie?

 

Blinde und sehbehinderte Menschen sind als Bürger:innen der jeweiligen Länder in gleicher Weise wie die gesamte Bevölkerung vom Weltgeschehen und von Ereignissen in ihrem Land betroffen. Die Themen „Blindheit“ und „Sehbehinderung“ bekommen aber eine besondere Bedeutung, wenn es um die individuellen Auswirkungen geht. Erste Ansprechpartner:innen sind hier in erster Linie die Mitgliedsorganisationen der EBU. Die EBU informiert, berät und koordiniert. Durch den Angriffskrieg der Regierung Russlands auf die Ukraine bekamen die Aufgaben eine neue Dimension: Die EBU legte einen Fonds auf, der in einer konzertierten Aktion zahlreicher nationaler Mitglieder gespeist wurde. Aus diesem Fonds konnten wir finanzielle Unterstützung für eine Hilfsorganisation in der Ukraine bereitstellen und nationale Organisationen bei individuellen Hilfeleistungen für aus der Ukraine geflüchtete blinde und sehbehinderte Menschen finanziell unterstützen.

 

Welche Herausforderungen mit denen die EBU beschäftigt ist, sind im Moment – auch EU-weit gesehen – Ihrer Einschätzung nach die größten?

 

Bei der nächsten Generalversammlung im Februar 2024 wird das Präsidium neu gewählt und viele der bisherigen Präsidiumsmitglieder werden ausscheiden.

Außerdem stehen umfangreiche rechtliche und auch organisatorische Umstrukturierungen im Raum. Es wird die Aufgabe während der neuen Legislaturperiode sein, die Vorbereitungen weiterzutreiben. Ich muss an dieser Stelle leider auch erwähnen, dass seit der letzten Generalversammlung drei leitende Präsidiumsmitglieder verstorben sind. Während des Jahres 2021 verloren wir unseren ersten Vizepräsident Alexander Neumyvakin und unsere Generalsekretärin, Maria Kyriacou. Im September 2022 verstarb dann plötzlich auch unser damaliger Präsident, Rodolfo Cattani. Sie alle waren hoch geschätzte und erfolgreiche Aktive in der EBU und in ihren nationalen Organisationen gewesen.

Nicht absehbar ist derzeit, wie sich die zunehmenden Einflüsse nationalkonservativer Strömungen in der EU langfristig auf unsere Arbeit auswirken werden. Die für die EBU wichtige Generierung finanzieller EU-Mittel ist glücklicherweise davon bisher jedenfalls noch nicht berührt. Diese Mittel bilden zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen unsere finanzielle Grundlage.

 

Können Sie die Ihrer Meinung nach größten Erfolge der EBU nennen?

 

Es ist schwer, Erfolge zu benennen, weil oft der Weg zum Ergebnis der eigentliche Erfolg ist. Dennoch gibt es Highlights: Wir dürfen stolz darauf sein, dass es bei der Einführung des Euro gelang, dafür zu sorgen, dass die Münzen gut tastbar sind und die Euroscheine verschiedene Größen und Kennzeichnungen haben. Auch die Ausstattung von Medikamentenpackungen mit Brailleschrift war ein wichtiges Ergebnis unserer Lobbyarbeit. Als Europäische Regionalgliederung der Weltblindenunion wirkte die EBU maßgeblich mit am Zustandekommen des Vertrages von Marrakesch, der den Zugang zu literarischen Erzeugnissen für blinde und sehbehinderte Menschen deutlich erleichtert und verbessert hat.

 

Worin sehen Sie die Vorteile und Stärken einer europaweiten Zusammenarbeit und was können die Mitgliedsorganisationen tun, um zu diesen Stärken beizutragen?

 

Gemeinsames Auftreten und Handeln ist die Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg auf europäischer Ebene. Das gilt nicht nur für den Bereich der EU, für den die EBU ja sogar eine spezielle Verbindungskommission eingesetzt hat, sondern auch für den nicht EU zugehörigen Bereich Europas. Aber was immer wir auch erreichen wollen: Das aktive Mitwirken unserer nationalen Mitglieder ist dabei unerlässlich. Sie bilden die EBU als Organisation und müssen sie deshalb natürlich auch inhaltlich gestalten. Die Gremien der EBU geben unterschiedliche Impulse, für die eine Partizipation der nationalen Mitglieder gebraucht wird. Das gilt zum Beispiel für die Beteiligung an Stellungnahmen oder Erhebungen zu bestimmten Themen, aber es gilt auch für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen durch Mitwirkung in Arbeitsgruppen und Gremien. Die nationalen Organisationen müssen also ein Mindestmaß an internationalem Engagement als wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit festlegen.

 

Was wünschen Sie sich als Präsident für die Zukunft der EBU?

 

Meine Amtszeit wird mit der Generalversammlung im Februar des kommenden Jahres zu Ende gehen. Gleichzeitig wird das Präsidium in seiner Gesamtheit neu gewählt. Ich hoffe auf eine Nachfolge, durch die die Kontinuität unserer Arbeit bestmöglich sichergestellt wird. Dabei habe ich die Gewissheit, dass das neue Präsidium in unserem „Büro“ einen verlässlichen Rückhalt haben wird und seine Arbeit mit einem qualifizierten Kollegium angehen kann. Für den politischen Bereich wünsche ich der EBU eine Verbesserung der Bedingungen für die Anliegen blinder und sehbehinderter Menschen in Europa.

Ein friedliches Miteinander der Staaten und die Bereitschaft, den Fokus auf Verbindendes statt auf Trennendes zu richten, wäre dafür eine wichtige Voraussetzung.

 

Der BSVÖ vertritt als Mitgliedsorganisation der EBU Österreich auf europäischer Ebene. Mit ihm sind 41 europäische Länder durch Mitgliedsorganisationen repräsentiert. Die EBU betreibt Interessensvertretung und Lobbyarbeit auf EU-Ebene und ist an umfangreicher Projekt- und Recherchearbeit beteiligt.

 

Mehr Lesestoff

 

Sie möchten noch mehr schmökern? Unter diesem Link gelangen Sie zur Gesamtausgabe des Verbandmagazins "Der Durchblick" des 2. Halbjahres 2023: https://www.blindenverband.at/de/information/durchblick/archiv/2059/Der-Durchblick-2023

 

Wenn Sie das Verbandsmagazin abonnieren möchten, so schreiben Sie bitte an: pr@blindenverband.at und lassen Sie uns wissen, in welcher Form (Schwarzdruck, Braille, DAISY) Sie es gerne nach Hause geschickt bekommen würden!

Viel Spaß beim Lesen!

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