Nachdem erst im August eine Diskussion um den Missbrauch von Meta Smart Glasses als heimliches Werkzeug zum Filmen Anderer aufgekommen ist (wir berichteten in unserem Artikel), sorgt nun Apple für neues Aufsehen, denn die neue Apple Watch Series 12 und die Apple Watch Ultra 4 können deutlich mehr als Schritte zählen oder den Wetterbericht anzeigen. Mit „Live Rewind“ und „Siri Recap“ wird die Uhr zum intelligenten Zuhörer: Live Rewind kann die vergangenen 15 Sekunden eines Gesprächs als Text wiedergeben. Siri Recap kann – sofern aktiviert – Gespräche im Tagesverlauf zusammenfassen. Apple nennt das alles stolz „Audio Intelligence“ und macht die Funktionen noch 2026 zunächst als Beta und auf Englisch verfügbar.
Mehr Teilhabe durch intelligente Assistenz
Praktisch! mag man sich dabei denken, so lässt sich nach dem Gespräch protokollieren, was gesagt wurde, ohne dass dabei angestrengt Notizen genommen werden mussten. Für Menschen mit Behinderungen könnte dies neue Möglichkeiten zur Teilhabe fördern und Alltagssituationen erleichtern – vor allem die neu eingeführte „Sound Recognition“ ist eine starke Barrierefreiheitsfunktion, weil sie akustische Informationen in eine für die Trägerin oder den Träger wahrnehmbare Benachrichtigung übersetzt. Die Apple Watch kann bestimmte Geräusche – etwa Türklingeln, Sirenen, Alarme oder das Schreien eines Babys – erkennen und anschließend eine Benachrichtigung ausgeben. Apple nennt ausdrücklich gehörlose und schwerhörige Menschen als Zielgruppe und setzt seinen Schwerpunkt auf ein Assistenztool, das Inklusion verbessern und Barrieren abbauen soll. Das ist gut so und auch wichtig – und dennoch bleibt gerade bei der Funktion des aktiven Mithörens, Aufzeichnens und Datenversendens ein großes Unbehagen stehen.
Wer hört hier eigentlich mit?
Denn auch der kleine Tratsch in der Mittagspause oder die Diskussion mit der Nachbarin können später in aller Ruhe noch einmal durchgegangen werden. Eine Apple Watch, die dauerhaft am Handgelenk getragen wird, befindet sich mitten in alltäglichen Situationen: im Büro, im Wartezimmer, im Klassenzimmer oder beim privaten Gespräch. Genau diese Allgegenwärtigkeit macht die Technik sensibel. Was geschieht mit den im Vertrauen gesagten Sätzen, mit Geschäftsgeheimnissen oder auch Gesprächen, die einfach nicht für andere Ohren bestimmt sind? Auch sie werden, sobald die Funktion aktiviert und die Uhr in Hörweite ist, aufgezeichnet.
Apple verspricht Schutz – doch reicht das?
Apple versucht, dieses Problem technisch zu begrenzen. Nach Angaben des Unternehmens werden keine Audioaufnahmen gespeichert. Roh-Audio wird in einem abgeschotteten Bereich des S11-Chips verarbeitet und anschließend gelöscht. Siri Recap erzeuge außerdem in bekannter KI-Manier keine vollständigen Transkripte, sondern Zusammenfassungen – die der Interpretationsfreiheit der Technik unterliegen (aber das ist wohl ein ganz anderes Problem). Gespeicherte Ergebnisse werden bei der iCloud-Synchronisierung Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Außerdem ertöne bei der aktiven Aufzeichnung ein akustischer Signalton, selbst wenn die Uhr stummgeschaltet ist oder Kopfhörer angeschlossen sind. Gleichzeitig zeigt das Display eine Vollbild-Animation und ein Mikrofonsymbol. Damit sollen auch andere Menschen potenziell dazu in der Lage sein, zu erkennen, dass Live Rewind gerade aktiviert wurde. Wie weit sich diese Warnhinweise umgehen lassen, wird sich zeigen. Im Falle der Meta-Glasses wurden Nutzer allerdings schnell kreativ: Das LED-Lämpchen, das ein Mitfilmen anzeigen soll, lässt sich recht einfach ausschalten.
Privatsphäre versus Barrierefreiheit
Doch Datenschutz ist mehr als die Frage, ob eine Audiodatei auf Apples Servern liegt. Auch Menschen, die gar keine Apple Watch besitzen, können Teil einer KI-Verarbeitung werden. Sie haben möglicherweise nicht zugestimmt oder sind sich nicht einmal bewusst, dass es derartige Funktionen zur Aufzeichnung gibt.
Dr. Susanne Buchner-Sabathy, blinde Expertin für digitale Barrierefreiheit, sieht in dem Pochen auf Barrierefreiheit von Unternehmen wie Meta oder auch Apple nicht deren Hauptmotivation. Es gehe, so die Expertin, „nicht um Unterstützung von vulnerablen Gruppen – z. B. blinden und sehbehinderten Menschen –, sondern natürlich um Gewinn.“ Das iPhone sei, so Dr. Buchner-Sabathy, nach wie vor eines der besten digitalen Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. „Als Konsument ist es somit nicht leicht, eine klare Entscheidung gegen Apple zu treffen.“
Barrierefreiheit als Vorwand für Systeme zu instrumentalisieren, die mit dem Persönlichkeitsrecht Anderer und dem Datenschutz fraglich umgehen, schadet im Ende dann doch allen. Menschen mit Behinderungen sollten nicht vor die Wahl gestellt werden, entweder wichtige Assistenzfunktionen zu nutzen oder ihre Privatsphäre aufzugeben. Gute Technik muss beides ermöglichen: möglichst umfassende Unterstützung und möglichst geringe Datenerhebung.
Aber wie lässt sich eine potentiell assistive Technik, die für die breite Masse entwickelt wurde, so gestalten, dass möglichst wenig Privatsphäre aller Beteiligten geopfert wird? Dazu gehören lokale Verarbeitung, kurze Speicherfristen, echte Ein-/Aus-Kontrollen, deutliche Signale für Umstehende und transparente Informationen darüber, was ein Gerät gerade tut. Barrierefreiheit ist in diesem Spiel Grund für gute Technologie, die sich um den Faktor KI ständig überholt – aber kein Freibrief für Überwachung.




