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Gegen Gewalt gegen Frauen

BSVÖ im Fokus: Gegen Gewalt. Wenn Hilfe zur Abhängigkeit wird

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Für blinde und sehbehinderte Frauen können Abhängigkeiten im Alltag zusätzliche Machtverhältnisse schaffen – in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder im Alter. Das ist ein ernsthaftes und weitgreifendes Problem, denn wo Unterstützung zur Voraussetzung für Selbstständigkeit wird, kann sie auch als Druckmittel missbraucht werden.

Wenn Hilfe Kontrolle bedeutet

Was sich als Partnerschaft anbahnt und vertrauensvolle Zweisamkeit verspricht, muss das nicht bleiben. Das hat die Mittdreißigerin L. erlebt, als sie vor über zwanzig Jahren Michael kennengelernt hatte. Aufgewachsen im selben Ort und schließlich gemeinsam in die Stadt gezogen, war Michael stets für L. da, die in Kindesalter erblindet war. „Er half mir in allen Lebenslagen, machte bald den Führerschein, um mich fahren zu können und übernahm alle möglichen Aufgaben“, erinnert sich L. 

„Auch die, die eigentlich selber machen wollten.“ Am schlimmsten wurde es aber, als sie beschloss, nach der Schule an die Uni zu gehen und eine Mitgliedschaft in einem nahen Fitnessstudio abzuschließen. „Auf mein Studium und meine Kolleginnen war er eifersüchtig, wenn ich in Vorlesungen ging, wartete er in der Aula. Am schlimmsten wurde es aber, als er von meiner Mitgliedschaft im Gym erfuhr. Er meldete sich sofort auch an, kam in jede Trainingseinheit mit und passte seine Trainingspläne an meine an. Ich konnte nicht einmal aufs Laufband, ohne dass er am Band daneben joggte. Einmal hatte mich ein junger Mann angesprochen, als ich auf der Matte lag und dehnte. 

Er war nett gewesen, ein Privattrainer, die mir viele Tipps hätte geben können. Aber Mike stand sofort da, blaffte ihn an, war super unfreundlich und schlug den Trainer in die Flucht. Es war mir super unangenehm, aber ich sagte nichts, er war so wütend. Und es tat mir leid, weil ich das Gefühl hatte, undankbar zu sein. Schließlich kümmerte er sich seit Jahren darum, dass es mir gut ging, brachte mir alles, was ich benötigte, ging einkaufen, kümmerte sich um die Rechnungen des Haushalts. Ich konnte mich nicht einmal ins Konto einloggen. Das war damals auch noch nicht so leicht, weil es keinen ordentlichen barrierefreien Zugang gab. Als ich einmal vorhatte, auf eine Studienreise mitzufahren, platzte ihm der Kragen und er wollte es mir verbieten. Er wurde laut und ich hatte wirklich Angst, er würde mich ohrfeigen. Das war für mich der Schlusspunkt.“ 

L. verließ Michael und schaffte den Absprung, bevor die Situation komplett exkalieren konnte. Der Weg danach war aber alles andere als leicht. „Ich musste meine Eigenständigkeit erst mühsam nachlernen. Er hatte mich ja nichts machen lassen und alle Arbeit abegenommen. Außerdem habe ich von einer Freundin erfahren, dass er hinter meinem Rücken mein Handy kontrolliert hatte. Manche Nachricht hat er einfach gelöscht, damit ich mich nicht mit anderen Treffen oder einen Ausflug ohne ihn unternehmen konnte.“ 

2018 wurde sie Mitglied in einer Gruppe an sehbehinderten und blinden Frauen, die sich regelmäßig trafen, um sich zu vernetzen und auszutauschen. Sie war wenig überrascht, als sie die Geschichten anderer Frauen kennenlernte, die er ihren so ähnlich waren. 

Da war etwa die 17-jährige Angelika, die ebenfalls von ihrem Freund ständig kontrolliert wurde. Oder die Edith, die im Beruf eine andere Form der Abhängigkeit erlebte: Ein Kollege verweigerte ihr Informationen in barrierefreier Form und nutzt ihre vermeintliche Hilflosigkeit aus, um sie kleinzuhalten, weil er um seinen eigenen Posten Angst hatte. Vom Chef gab es keine Hilfe. Der vertraute dem Kollegen mehr und war vor, als Edith schließlich freiwillig ging. Und da war die 78-jährige Anna, die auf Unterstützung auf Heimhilfe angewiesen war. Ihr Betreuer war anfangs ein wunderbarer und aufmerksamer Mann, der auch außerhalb der Zeiten zu ihr kam und ihr privat zur Seite stand. Dafür verlangte er kein Geld.  Später aber wurde übergriffig, berührte sie ohne Erlaubnis und drohte, seine Hilfe einzustellen, wenn sie sich über ihn beschweren sollte. 

Gewalt kann körperlich, psychisch, sexuell, finanziell oder sozial ausgeübt werden und auch ungefragte Kontrolle, das Vorenthalten wichtiger Informationen und die Einschränkung sozialer Kontakte können Mittel der Machtausübung sein. Besonders schwierig wird es, wenn die gewaltausübende Person zugleich in einem ungleichen Machtverhältnis zur Frau steht. 

Vier Säulen für mehr Selbstbestimmung

Wirksamer Gewaltschutz muss Abhängigkeiten verringern und Handlungsspielräume erweitern. Vier Säulen sind dabei zentral:

  1. Finanzielle Eigenständigkeit durch qualifizierte Arbeit: Zugängliche Ausbildungen, inklusive Arbeitsplätze und faire Karrierechancen schaffen Einkommen und Wahlmöglichkeiten. Wer über eigenes Geld verfügt, kann leichter unabhängige Entscheidungen treffen und sich aus belastenden Beziehungen lösen.
  2. Strukturelle Gewalt bekämpfen: Strukturelle Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen kann durch gerechtere Gesetze, gleiche Bildungschancen, faire Arbeitsbedingungen und eine gerechte Verteilung von Ressourcen abgebaut werden. Dafür braucht es gesellschaftliche Aufklärung, Mitbestimmung und den Abbau von Diskriminierung und Vorurteilen.
  3. Staatliche Assistenzleistungen sichern: Verlässliche, bedarfsgerechte Assistenz ermöglicht Selbstbestimmung im Haushalt, bei Behördenwegen, in der Freizeit und im Berufsleben. Entscheidend sind Wahlmöglichkeiten, Kontinuität und Schutz vor Machtmissbrauch durch unterstützende Personen.
  4. Psychologische und soziale Vernetzung stärken: Vertrauenspersonen, Selbsthilfegruppen, Psychotherapie und spezialisierte Frauenberatungsstellen helfen, Gewalt zu erkennen, Erlebtes einzuordnen und Schutzwege zu finden. Beratung muss barrierefrei, vertraulich und ohne Bevormundung zugänglich sein.

Hilfe darf niemals zur Voraussetzung für Gehorsam werden. Blinde und sehbehinderte Frauen und Mädchen haben – unabhängig von Alter und Unterstützungsbedarf – das Recht auf Sicherheit, Selbstbestimmung und ein gewaltfreies Leben. Gewaltschutz ist erst dann wirksam, wenn Hilfe stärkt, statt neue Abhängigkeiten zu schaffen.