Inhalt
BSVÖ im Fokus: Das smarte Zuhause. Smarte Assistenz daheim. 

BSVÖ im Fokus: Das smarte Zuhause. Smarte Assistenz daheim. 

Haushaltsgeräte, die nicht barrierefrei sind, kennen wir zur Genüge. Abläufe im Haushalt, die sich blind oder mit starker Sehbehinderung entweder mit viel Geduld und Übung oder, wenn’s gar nicht klappt, mit der Unterstützung einer anderen Person bewerkstelligen lassen, ebenso. Das smarte Zuhause verspricht hier vollmundig mehr Barrierefreiheit durch Prozesse, die vor ein paar Jahren noch ferne Zukunftsmusik gewesen sind. Kann das smarte Home diese Ansage wirklich halten…?

 

Ganz allgemein gesprochen: mit der richtigen Technik, den richtigen Geräten und einem gut abgestimmten und gewartetem Heimsystem, kann es gelingen und kann das Smart Home erhebliche Verbesserungen im Alltag mit sich bringen. Licht, Fernseher oder Jalousien lassen sich per Sprachbefehl und App steuern. Ein Sensor bemerkt, dass jemand den Raum betritt, und schaltet das Licht auf vordefinierte Helligkeit ein. Der Saugroboter beserlt im abgesteckten Bereich und versorgt sich selbst mit Strom, wenn ihm der Akku ausgeht, die Temperatur kann gesteuert werden, ohne dabei am Thermostat mühsam nach der richtigen Einstellung zu suchen und Informationen, die sonst primär visuell zugänglich wären, können plötzlich auf anderem Weg ankommen – zum Beispiel akustisch.

Ja, für blinde und sehbehinderte Menschen liegt darin großes Potenzial. Eine aktuelle Forschungsarbeit zeigt, wie Smart-Home-Technologien unter anderem bei Beleuchtung und Heizung unterstützen können. Auch Sicherheitsfunktionen spielen eine Rolle: Gerade in Kochbereichen sollen Feuer- und Hitzesensoren vor Verbrennungen und Brandherden schützen, Gaslecks anzeigen und die Lebensmittelsicherheit durch konstante kontrollierbare Temperaturen im Kühlschrank gewährleisten. 

Gefüllt mit Überwachungskameras rund um den eigentlichen Wohnbereich, Licht-, Bewegungs- und Wärmesensoren, Feuerdetektoren, Feuchtigkeits- und Temperaturmessern, Flut- und Erdbebendetektoren, mit Sensoren, die Staub, Nässe und hohe Feuchtigkeit erkennen und mit einem System, das Türen und Fenster aus der Entfernung verriegeln oder öffnen kann, das Haushaltsgeräte ansteuert und Rückmeldung einholt kann das Smarte Heim den Alltag von Barrieren befreien. Vorausgesetzt, man ist auch fähig, das System zu kontrollieren. Wer sein smartes Zuhause im Griff hat, sich mit der Wartung und der Bedienung auskennt, kann von dem Konzept der Automatisierung profitieren. Gerade für Menschen mit sensorischen Behinderungen ergeben sich hier, nicht zuletzt aufgrund der schnellen technischen Entwicklung, ständig neue Optionen der Verbesserung. 

Auch die britische Behindertenorganisation Scope sieht im smarten Zuhause Chancen. Gleichzeitig rät Scope aber auch dazu, vor dem Kauf genau zu überlegen: Was soll die Technik eigentlich können? Ist sie leicht zu bedienen? Funktioniert sie mit bereits vorhandenen Geräten? Welche zusätzlichen Geräte oder laufenden Kosten kommen dazu? Und wer hilft, wenn die Technik einmal streikt?

Schlussendlich kann aber auch das gescheiteste Zuhause an den Grundlagen scheitern, denn „smart“ steht nicht automatisch für „barrierefrei“. Eine App kann noch so modern sein – wenn sie nicht mit einem Screenreader funktioniert, ist sie für Screenreader-Nutzende sinnlos. Und auch Geräte, die zwar per Sprachbefehl funktionieren, aber nur mit einem bestimmten System kompatibel sind, können schnell zur digitalen Sackgasse werden.

Dazu kommen Kosten, Wartung, Internetverbindung und Datenschutz. Denn ein Zuhause, das mitdenkt, sammelt auch Informationen darüber, wie darin gelebt wird, frisst mehr Strom und setzt seine Bewohner:innen der Gefahr aus, durch einen Hacker-Angriff die Oberhoheit über das eigene System zu verlieren. Wenn ich meine Haustür per Sprachbefehl öffnen kann, kann das theoretisch auch jemand anderer – das darf beim Planen des smarten Zuhause nicht vergessen werden. 

Weiterführende Links:

Scope: Smart Home Technology for Disabled People

Zur Studie auf PubMed Central