Steigende Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen
Inklusion wird von den meisten Unternehmen großgeschrieben und der Wert der Diversität auf die Fahnen geheftet. Aber dass Papier geduldig ist, wissen wir schon lange. Nachdem Mitte 2026 eine Liste aller österreichischen Unternehmen veröffentlicht wurde, die 2024 verpflichtet waren, Ausgleichstaxe zu zahlen, und sich darin auch offenbarte, wie viele Unternehmen nicht die vorgeschriebene Quote erfüllen, überrascht es auch nicht, dass die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen besonders hoch liegt. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist sie in den letzten Jahren laut AMS sogar noch gestiegen. Erst im Jänner des Jahres 2026 kroch die Zahl auf insgesamt 17.130 Betroffene und stellte ein Plus von 13,9 % zum Vorjahr dar. Erschreckend sind aber auch die Zahlen, die laut einer Erhebung der Statistik Austria zu jungen Menschen mit Behinderungen veröffentlicht wurden, die nicht in Ausbildung oder Job sind. Unglaubliche 26,8 % der jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 fanden sich ohne Beschäftigung und ohne aktiven Ausbildungsplatz.
Zwischen Vorurteilen und praktischen Hürden
Gründe, weshalb Menschen mit Behinderungen seltener angestellt werden und nur schwerer am ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen können, sind umfangreich. Schlechtere Bildungs- und Ausbildungschancen spielen hier ebenso eine Rolle wie die Vorurteile von Arbeitgebern, die in Menschen mit Behinderungen kategorisch eine Belastung für ihre Betriebe wittern. Bewerbungsverfahren mit Lebensläufen, die Bilder und ausdifferenzierte Beschreibungen verlangen, machen die Chancen darauf, überhaupt erst zum Vorgespräch eingeladen zu werden, für viele zunichte, bevor eigentliche Fähigkeiten in Betracht gezogen werden. Diskriminierung beginnt somit schon vor dem eigentlichen Arbeitsplatz, sozusagen direkt vor einem gut bewachten Eingangstor. Die in den meisten Fällen unbegründeten Ängste vor arbeitsrechtlichen Folgen für Mitarbeiter:innen mit Behinderungen, die Scheu vor einem vermuteten Risiko und nicht zuletzt ein großer Sack voll Unwissen gehen von den Entscheidungsträger:innen direkt aus. Aber hätten Sie gedacht, dass schon viel früher ein handfestes Problem auftritt, dass viele potentielle Bewerber:innen schon einen Schritt früher den letzten Nerv rauben kann?
Die Sache mit den Jobportalen
Seit Unternehmen Jobangebote ausgelagert haben und damit digitale Portale füllen, tun sich für Webnutzer:innen mit Behinderungen neue Probleme auf. Denn was, wenn das digitale Portal alles Mögliche, aber bestimmt nicht barrierefrei ist?
Da es sich bei Jobportalen um große Plattformen handelt, die theoretisch gut strukturiert ein Riesenangebot an Jobofferten listen sollen, praktisch aber ein strukturelles Chaos und große Fehleranfälligkeit bereithalten, geschieht schon hier die erste Diskriminierung. Fehlende Strukturen, Formulare, die sich zuerst nicht öffnen, dann nicht speichern und zuletzt nicht abschicken lassen, Links die ins Leere leiten oder Jobangebote, die nicht ausgelesen werden können stehen hier an der Tagesordnung. Viele Unternehmen aber setzen direkt auf die Auslagerung auf Jobplattformen, die von Drittanbietern betrieben werden und listen aktuelle Jobs nicht mehr in den eigenen Kanälen. Wie aber Angebote finden, wenn schon bei der Suche die ersten Hürden auftauchen?
694 Mal an Barrieren stoßen …
Eine im Dezember 2023 veröffentlichte US-amerikanische Studie (Titel: The Accessibility and Usability of Online Job Applications for Screen Reader Users, verfasst von William Reuschel , Michele McDonnall, und Darren Burton) untersuchte die Barrierefreiheit von Online-Bewerbungen für blinde Screenreader-Nutzende anhand von 90 Bewerbungsversuchen bei 30 Fortune-500-Unternehmen. Zwar waren 56 % der Bewerbungen erfolgreich, doch 77 % der Websites wiesen kritische Barrieren auf. Insgesamt wurden 694 Zugänglichkeitsprobleme identifiziert.
Verlorenes Win-Win und was getan werden muss
Der BSVÖ appelliert in dieser Misere an Plattformbetreiber und Unternehmen gleichermaßen: Sorgen Sie für barrierefreie Ausschreibungen von Jobangeboten – sei es auf Jobportalen oder auf den eigenen Webseiten und Jobbörsen. Bieten Sie Beratung zum Anmeldeprozess durch erreichbare Mitarbeiter:innen an und lassen Sie Ihre Applikationen und Webseiten von Expert:innen auf Barrierefreiheit testen. Davon können im Ende alle profitieren – Sie als Plattformanbieter, die Arbeitgeber und natürlich auch die Bewerber*innen. Nur eine konsequente Umsetzung der WCAG Standards und die Anwendung eines nachhaltigen und gut durchdachten Universal Designs ermöglicht diskriminierungsfreie Online-Bewerbungen.
Erfahrungen?
Sie sind blind oder sehbehindert und haben verschiedene Bewerbungsplattformen und Jobportale genutzt? Was waren Ihre Erfahrungen? Berichten Sie uns, wie es Ihnen ergangen ist, wo Handlungsbedarf besteht und was Sie weiterempfehlen würden!
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