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Der will nur spielen? Ein Tag im Leben eines Blindenführhundes

  • Führhund © BSVÖ

Manche zerren ungeduldig an der Leine und pinkeln an Autoreifen, manche dackeln geruhsam hinter ihren Menschen nach, manche würden für ihre Familie Kopf und Kragen riskieren, manche stecken in Mäntelchen und werden getragen; Hunde begleiten ihre Menschen seit Jahrtausenden und sind auch heute nicht aus dem Alltag wegzudenken. Die Beziehungen von Mensch und Hund sind eng und vielseitig - wenn es aber um Assistenzhunde geht, bekommen sie eine ganz besondere Nuance. Mehr als Spielgefährten oder Mitbewohner, Seelentröster und Wächter werden die Vierbeiner in ihrer Funktion als Assistenzhund nämlich zu vor allem zu einem verlässlichen Partner, der für Sicherheit und Selbstbestimmtheit seines Menschen sorgt. 

Sechsbeiniges Team

Fabian und Freddi sind seit einem halben Jahr ein Team. Fabian ist Mitte dreißig und im Alter von vier Jahren erblindet, Freddi wird bald drei, hat schwarzes glänzendes Fell und goldbraune Augen. Er ist ein Labrador Retriever, der eine lange und aufwendig Schulung durchlaufen hat, bis er zu einem waschechten Blindenführhund wurde. So stand am Anfang die Frage, ob sich Freddi gesundheitlich und seinem Wesen nach für die Ausbildung eignet. Hierzu waren einerseits tierärztliche Untersuchungen nötig, andererseits musste er sich als freundlicher und seiner Umwelt gegenüber neutraler Hund benehmen. Hätte Freddi einen extrem ausgeprägten Jagdtrieb, Angst oder Aggressionen an den Tag gelegt, so wäre er schon früh aus der Auswahl ausgeschieden. 

Ein Hund mit Bildung

 

In seiner Ausbildung zum Blindenführhund musste der junge Freddi sehr viele Befehle lernen, die für spezifische Hilfeleistungen eingesetzt werden können. Um die 70 Hörzeichen sind es in der Regel, die ein Blindenführhund verinnerlichen muss. Vom Finden eines Ausgangs, einer Treppe oder einer Kreuzung über Geradeausführung und Liegenbleiben. Der Gehorsam und der Wille des Hundes, aktiv mitzuarbeiten, ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft als Führhund. 

 

Weiter ging es mit der Qualitätsbeurteilung, die Teil der staatlichen Beurteilung ist und die Freddi mit seiner Ausbildner bestehen musste. Erst dann lernte Fabian den Rüden kennen. und begann, mit ihm zu arbeiten. Das war die Voraussetzung für das Bestehen der Teambeurteilung, die bei an offizieller Stelle bestehen mussten. "Ich weiß nicht, wer von uns beiden damals nervöser war", erinnert sich Fabian. "Aber wir haben es geschafft. Ich war sehr stolz auf meinen Freddi, der ab diesem Zeitpunkt nun in meinen Behindertenpass eingetragen wurde." Mit dem Eintrag im Behindertenpass wurde Freddi als staatlich beurteilter Blindenführhund anerkannt. Das bedeutet, dass er auch in die geltenden Rechtsvorschriften für Assistenzhunde fällt, erweiterte Zutrittsrechte hat und von der Maulkorb- und Leinenpflicht befreit ist. 

Von früh bis spät an der Seite

 

Für Freddi beginnt der Tag früh. "Das erste, das ich mache sobald ich aufgestanden bin, ist eine Runde im Park", beginnt Fabian von seinem Tag zu erzählen. Er ist berufstätig, arbeitet in einem Büro und weiß, wie wichtig es ist, dass Freddi nach den langen Nachtstunden ins Freie kommt. Fabian kann Freddi im Park neben seiner Wohnung von der Leine lassen und ihm ein wenig Freigang genehmigen. Sobald er den Hund zurückruft und dieser wieder ins Führgeschirr schlüpft, ist er aber wieder im Arbeitsmodus. Ablenkungen jeder Art bekommen von ihm dann die kalte Schulter. 

Den Weg ins Büro kennt Freddi schon lange auswendig. Sicher und unbeirrbar führt er Fabian tagtäglich von der Haustür weg direkt zum Eingang seines Büros. Dazwischen liegen einige Kreuzungen und die Fahrt mit der Straßenbahn. „Einmal fuhr die Bim nicht, weil es zu einem Schienenschaden gekommen war“ erinnert sich Fabian. Aber weil er den Weg auch zu Fuß kannte und mit Freddi unterwegs war, kam er trotzdem nur mit kleiner Verspätung in die Arbeit.

Wenn der Bürotag erledigt ist, brechen Freddi und Fabian wieder nach Hause auf. Manchmal geht Fabian noch einkaufen – Freddi darf mit ins Geschäft. Als Blindenführhund und offizieller Assistenzhund hat er Zutritt zu Orten, in die andere Hunde nicht dürfen.

Bevor sie heimkommen, steht aber wieder eine Runde im Park an. Dann darf Freddi herumtoben und nach Herzenslust schnuppern, stöbern und mit anderen Hunden spielen.

Fabian ist es wichtig, dass sein Partner auch mental gesund bleibt. Dazu zählt der Freilauf und die Interaktion mit anderen Hunden ebenso, wie Kuschel- und Spielstunden außerhalb der Arbeitszeit mit Fabian und dessen Freunden und Freundinnen.

Gesunder Körper, gesunder Geist, glücklicher Hund

 

Hin und wieder besuchen Fabian und Freddi die Hundeschule, in der Feddi ausgebildet wurde und machen Wochenendkurse mit oder buchen Einzelstunden mit seiner Trainerin. Diese Einheiten sorgen für noch mehr Sicherheit und Vertrauen und schweißen Fabian und Freddi noch enger zusammen.

Zu den regelmäßigen Checks gehören aber auch Besuche beim Tierarzt. „Wenn Freddi krank werden sollte, muss das möglichst schnell erkannt werden, damit er behandelt werden kann“, sagt Fabian, der sehr um das Wohl seines Hundes besorgt ist.

Zusammenwachsen

 

Und das nicht nur, weil ein Führhund ein äußerst kostbares und wertvolles Tier ist, dessen Verlust seine Menschen auf vielen Ebenen schmerzlich trifft. Fabian weiß, wie aufwendig es ist, bis ein Führhund fertig ausgebildet ist und die staatliche Prüfung gemeinsam mit seinem Menschen hinter sich gebracht hat. „Das geht nicht von Jetzt auf Gleich“, hält Fabian fest. „Wer sich für einen Blindenführhund entscheidet, muss damit rechnen, dass nun ein längerer Prozess vor einem liegt.“

Am besten sei es, sich vorab viele Infos einzuholen. Dafür besucht Fabian seine Landesorganisation. Dort erhielt er alle Grundinfos und wurde dann an einige Hundeschulen und Ausbildungsstätten weitervermittelt. Er suchte sich eine kleinere Hundeschule aus, die in seiner Nähe war und dann begann bald das Kennenlernen und das gemeinsame Training.

Die Arbeit hat sich gelohnt. Fabian ist sehr glücklich mit dem schwarzen Freddi, der sich am liebsten in Fabians Nähe aufhält. So verbringt er den Feierabend entweder dösend neben Fabian, wenn es sich dieser auf der Couch gemütlich gemacht hat oder begleitet ihn auf ausgedehnten Spaziergängen durch den Park. „Manchmal sind wir wie ein altes Ehepaar“, lacht Fabian. „Ich rede mit ihm und erzähle ihm, was mich so alles bewegt. Und ich schwöre, er versteht jedes Wort.“ Freddi steht daneben und gähnt herzhaft. Sobald Fabian das Führgestellt in die Hand nimmt, ist alle Müdigkeit aber wie weggefegt und Freddi ist bereit für seine Aufgabe im Dienste der Selbstbestimmtheit.

Weiterführende Links

Blindenführhunde – Sicherheit auf vier Beinen: Blindenführhunde | Information | BSVÖ - Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich (blindenverband.at)

Vollständiges Interview mit Priv.-Doz. Mag. Dr. Andreas Rhoby: „Ein alter Gefährte“ (Homepage der ÖAW) vom 6.8.2019: https://www.oeaw.ac.at/detail/news/ein-alter-gefaehrte

Artikel von Priv.-Doz. Mag. Dr. Andreas Rhoby: „Hunde im Byzanz“ (Festschrift für Falko Daim, Mainz 2008) S. 807-820: https://www.academia.edu/36107265/Hunde_in_Byzanz

Praxistipps Blindenführhunde (Broschüre des BSVÖ): https://www.blindenverband.at/de/aktuelles/281/Praxistipps-Blindenfuehrhunde

 

 

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