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07.03.2018

Voraussetzung: Liebe zum Menschen

Herbert Pichler im Gespräch

Herbert Pichler © BSVÖ Gassenbauer/Herbert Pichler

Herbert Pichler - begeisterter Fußballspieler - vor dem großen Rasenplatz im Sportcenter Donaucity

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Aus der "Der Durchblick"-Reihe: Mehr „Wir"! Seit Mai 2017 ist Herbert Pichler der neue Präsident des Österreichischen Behindertenrates (vormals ÖAR). Im Interview mit dem Durchblick erzählte er, wieso es ihm besonders gut gefällt, verschiedene Interessenvertreter an einem Tisch zu haben und worin die Kraft der Netzwerke liegt.

 

Wer Herbert Pichler persönlich kennen gelernt hat, wird sich schnell von zwei Dingen überzeugt haben: erstens kennt der gebürtige Niederbayer Gott und die Welt und zweitens haben seine Tage scheinbar mehr als 24 Stunden. Denn die vielen Funktionen, die Pichler erfüllt und Unternehmungen, die er verfolgt, passen nur schwerlich in eine herkömmliche Woche.

Versöhnliche Unvereinbarkeit

Warum Herbert Pichler dennoch den Spagat zwischen den teilweise sogar beinahe unvereinbaren Funktionen schafft, hat mehrere Gründe. Einer ist, dass die verschiedenen Funktionen Einblicke in Strukturen bringen, die von außen nicht zu erkennen sind und somit ein größeres Verständnis – und nicht zuletzt einen größeren Einflussbereich für denjenigen öffnen, der sie besetzt. Hier, wie auch in allen anderen Wirkungsbereichen, die Herbert Pichler innehat, steht das Miteinander im Vordergrund: „Ich bringe gerne Menschen zusammen – auch welche in den unterschiedlichsten Positionen“, so der Netzwerker, der diesem Thema schon viel Zeit und Energie gewidmet hat. Seit seiner Ausbildung im Bereich des Sozial- und Kapitalmanagements 2009 forscht er auf dem Gebiet. Im „Chancen Nutzen Büro“ des Österreichischen Gewerkschaftsbunds, das Pichler gemeinsam mit Mag. Czeskleba aufbaute, wurde Ende 2014 ein weltweit einzigartiges Netzwerkanalyseinstrument entwickelt. Es zeigt nicht nur die zur Verfügung stehenden Netzwerke, sondern auch deren Reichweite und wie sie genützt werden. In Coachings kann es auf Einzelpersonen aber auch Betriebe angewendet und somit gemeinsam erarbeitet werden, wie die eigenen Netzwerke erweitert und besser genützt werden können. Pro Jahr werden zwischen 800 und 1000 solcher Analysecoachings durchgeführt. Pichler erkennt die Stärke im Miteinander und der Verbindung zu anderen: „Die persönlichen Netzwerke – nicht die digitalen – sind das Um und Auf zur Gesundheitserhaltung und Wiedergesundung.“

Nur miteinander funktioniert's

Dieses Miteinander wünscht er sich auf allen Ebenen – auch was die Kooperation verschiedener Interessenvertreter angeht. „Es ist eine wichtige Thematik, dass sich Minderheitengruppen nicht bekämpfen sollen. Es gefällt mir, wenn verschiedene Interessenvertretergruppen nebeneinander sitzen – etwa in der gemeinderätlichen Interessenvertretung für Wien oder auch im Präsidium des Behindertenrats und wenn hier ein Austausch stattfindet, anstatt sich als Konkurrenz wahrzunehmen.“ Die Interessen sind immerhin die gleichen: größere Chancengleichheit, verbesserter Zugang zu Bildung, umfassende Barrierefreiheit, spezifische Förderungen, vollwertige Anerkennung in der öffentlichen Wahrnehmung – die Punkte wiederholen sich wohl auf allen Listen. „Anstatt sich um einen kleinen Kuchen zu streiten, wäre es doch viel sinnvoller, sich dafür einzusetzen, dass der gemeinsame Kuchen größer wird“, resümiert Pichler.

Generationswechsel im Behindertenrat

Seit Mai 2017 ist eine neue Position hinzugekommen: als einstimmig gewählter Präsident des Behindertenrats – vormals Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation – leitet Herbert Pichler nicht nur einen Generationswechsel ein; mit dem Namenswechsel soll der Behindertenrat auch zu einem wichtigen Sozialpartner und einer umfangreichen Interessenvertretung werden. Die großen Ziele des neuen Präsidenten? „Allumfassende Barrierefreiheit“, „Schulreform sowie Schulinklusion“ und eine Arbeitsmarktpolitik, die Menschen mit Behinderungen zur Zielgruppe Nummer eins am Arbeitsmarktservice macht. Für das Erreichen der Anliegen sucht Pichler die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. So zeigte der Behindertenrat in einer gemeinsamen Pressekonferenz im September auch mit dem Behindertenanwalt Dr. Hofer Schulterschluss. „Auch von der Persönlichkeit her ergänzen wir uns“, meint Herbert Pichler, erfreut über die Zusammenarbeit. Die Ziele sind groß und grundlegend – eine besondere Stellung unter ihnen nimmt der Inklusionsfonds ein. Hierbei soll es sich um einen eigenen, abgesicherten Geldfonds handeln, der als Basis dient, um weitere Ziele anzugehen. Dass der Inklusionsfonds kostet, ist Pichler bewusst, aber im Endeffekt würden genau diese Kosten auch wieder Gewinn bringen: „Wenn Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Betriebsgründung zu sparen beginnen und nicht gut und mit Weitsicht investieren, dann werden sie es nicht schaffen, ein Unternehmen langfristig zu führen und zu erhalten. Das lässt sich einfach auf den Inklusionsfonds umlegen.“

Auf alle hören.


Als Präsident des Behindertenrats betont Herbert Pichler einmal mehr, wie wichtig es ist, alle Stimmen zu hören. „Keine Behinderungsform darf zu kurz kommen. Jede Gruppe ist gleich wichtig.“ Pichler ist deshalb gern gesehener Gast auf Veranstaltungen verschiedener Organisationen und Interessenvertreter. „Da kann man so viel lernen, auch was die Bedürfnisse der einzelnen Gruppen betrifft. Ganz häufig treffe ich auf die selben Anliegen und Forderungen. Und natürlich gibt es trotzdem immer wieder Neues zu erfahren.“

 

ÖGB Chancen Nutzen Büro - eine Sozialpartnerinitiative

Das Chancen nutzen Büro kooperiert mit allen Sozialpartnern, dem Arbeitsmarktservice, der Pensionsversicherungsanstalt, der AUVA, dem Hauptverband der SV und den Krankenkassen und diversen Integrationsfachdiensten und Projektträgern in ganz Österreich.

Unser Ziel: Die Verbesserung der Beschäftigungssituation älterer Personen und Menschen mit Behinderung bzw. chronischen und/oder psychischen Erkrankungen.

Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern führen wir Beratungen, Seminare und Workshops für BelegschaftsvertreterInnen, Behindertenvertrauenspersonen, ArbeitnehmerInnen, ArbeitgeberInnen, MitarbeiterInnen der Personalabteilungen, und FunktionärInnen aller Sozialpartner durch.
Homepage: www.betriebsraete.at/cms/S06/S06_302.12/service/arbeit-behinderung
 

Der Österreichische Behindertenrat

Der Österreichische Behindertenrat, vormals ÖAR (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation), vertritt als Dachorganisation über 80 Behindertenverbände in Österreich mit insgesamt über 400.000 Mitgliedern. Er bietet aber auch Einzelmitgliedern und Partnern ein reichhaltiges Serviceangebot. Der Behindertenrat ist parteipolitisch unabhängig und religiös neutral.
Homepage: www.behindertenrat.at

 

Hier geht's zur Gesamtausgabe des Verbandsmagazines "Der Durchblick" 2. Halbjahr 2017

www.blindenverband.at/home/1847
 

Haben Sie Themenvorschläge zu denen Sie Sie gerne mehr im 2. Halbjahr 2018 lesen würden? Über Anregungen, Ideen und Hinweise freut sich Chefredakteurin Dr. Iris Gassenbauer (Tel.: +43 1 982 75 84-202)